Wissenschaftsskepsis tritt in vielfältigen Erscheinungen auf: Sie kann in Form einer konstruktiven Kritik und mit skeptischen Fragen zum Fortschritt der Forschung beitragen. Aber sie kann auch destruktiv wirken, wenn sie die Wissenschaft durch Wissenschaftsimitation diskreditiert, wofür sich der Begriff „Pseudowissenschaft“ eingebürgert hat. In ihren extremsten Ausdruck mündet sie in totaler Ablehnung bis hin zur Wissenschaftsfeindlichkeit, begleitet von einem tiefen Misstrauen, das Verschwörungstheorien Tür und Tor öffnet.
Eine Ursache für illegitime Wissenschaftsskepsis ist, dass Wissenschaft nicht isoliert existiert, sondern in gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen, ethischen Rahmenbedingungen eingebettet ist und der Öffentlichkeit verständlich gemacht werden muss. „Je gesellschaftsprägender die Wissenschaft wird, desto mehr soziale Kämpfe entzünden sich an ihr“, ist ein kluger Satz, der während des Symposiums an die Wand projiziert wurde. Doch wie gehen wir mit dem Schnittstellenproblem um? Ist es möglich – und wäre es überhaupt sinnvoll –, Wissenschaft und Politik klar voneinander zu trennen? Soll Wissenschaft wertfrei sein? Wenn nicht, wer legt fest, welche Werte zählen? Auf welche Weise sollte die Wissenschaftskommunikation gestaltet werden?
All diese Fragen und viele mehr kamen im Symposium „Wissenschaftsfeindlichkeit und Wissenschaftsskepsis aus historischer und philosophischer Perspektive“ der ÖAW im Oktober 2024 zur Sprache. Die Veranstaltung war mit vielen Wissenschaftler*innen hochkarätig besetzt, instruktiv und aufschlussreich, und man muss der ÖAW dankbar sein, dass sie diese Tagung organisiert hat. Dennoch überzeugte mich das Symposium nicht und mein Resümee fällt zum Teil nüchtern aus.
Da das Programm über drei Tage hinweg sehr dicht gefüllt war und ich an dieser Stelle keinen wissenschaftlichen Bericht schreiben kann, beschränke ich mich in diesem Blogartikel auf eine Auswahl exemplarischer Vorträge und persönliche Eindrücke.

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Martin Kusch vom Institut für Philosophie an der Universität Wien eröffnete die Tagung mit einer Keynote, die sich positiv von anderen Vorträgen absetzte, da er sich – im Gegensatz zu vielen seiner Kolleg*innen – offenkundig speziell auf das Thema vorbereitet hatte und eine inhaltlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Symposiumsthema bot. In seinem Vortrag nahm Kusch eine wissenschaftlich distanzierte Analyse wissenschaftsskeptischer Aussagen von Donald Trump vor. Anstatt diese pauschal zu verurteilen, prüfte er sachlich deren argumentative Basis. Damit bewies er eine humanistische Haltung, da er trotz Trumps bekannter Verstrickung in Lügen und gefährlichem Narzissmus eine faire Prüfung durchführte. Seine Analyse machte deutlich, dass ein ad-hominem-Ansatz, selbst bei einer kontroversen Figur wie Trump, wenig zur inhaltlichen Debatte beiträgt. Die Auseinandersetzung mit Trumps Behauptungen erwies sich hingegen ausnehmend fruchtbar.
Kusch stellte eine interessante These auf: Trump und viele seiner Anhänger*innen glauben, ein echter Wissenschaftler sei ein isoliertes Genie, das gegen den Strom schwimmt. Trump, der sich selbst als ein solches Genie sieht („Ich habe einen natürlichen Instinkt für Wissenschaft“), hält etablierte Wissenschaftler*innen für politisch gesteuert und somit voreingenommen. Kusch nahm dabei Bezug auf das historische Bild von Galileo Galilei (1564–1642), der in der gängigen Geschichtsschreibung lange als einsamer Kämpfer dargestellt wurde – eine Darstellung, die historisch jedoch nicht zutrifft, da Galilei eng mit anderen Gelehrten vernetzt war und aktiven Austausch pflegte. Zudem unterstützen ihn viele Schüler. Trumps Kritik trifft jedoch insofern einen wahren Kern, als dass moderne Wissenschaft oft in großen Teams stattfindet, und Veröffentlichungen nicht selten eine enorme Autorenzahl aufweist. Der Weltrekord liegt bei 5154 (!!!) Physiker*innen an einem einzigen Aufsatz.
Besonders problematisch wird dies in großen Forschungsverbänden: Entweder wird eine Einigung durch wechselseitige Überarbeitung („Catch-and-Toss-Ko-Autorenschaft“) erzielt, oder eine führende Person kontrolliert den Prozess („zentralisierte Kontrollautorschaft“). In großen Projekten, etwa der Klimaforschung, ist jedoch keinEinzelner imstande, alle Forschungsbereiche zu überschauen und zu kontrollieren, was die Wissenschaft verletzlicher gegenüber kritischen Stimmen macht.
Auch der Vorwurf Trumps, dass Wissenschaftler*innen eine politische Agenda verfolgen, ist nicht gänzlich unsinnig. Wiederum verwies der Vortragende auf Galilei, denn auch dieser Gelehrte wusste es bereits anzustellen, an die Öffentlichkeit zu appellieren, Allianzen zu bilden, Gegner zu diskreditieren, zu intrigierten und Religion in seine Wissenschaft einzubeziehen.
In der Diskussion wurde dabei auch das Stichwort „Ethiksierung bzw. Moralisierung der Wissenschaft“ angesprochen: Ist es sinnvoll, dass Wissenschaft bestimmte Werte verfolgt? Falls ja, welche Werte sollten das sein und wer soll diese vorgeben dürfen? In meinen Blogbeiträgen habe ich schon öfters erwähnt, dass nach der gängigen Praxis in Ethikräten in der Regel Menschen mit religiösem Background vertreten sind und ich keinen einzigen Ethikrat kenne, der sich für die humanistischen Werte der Konfessionsfreien interessiert.
Ein weiterer beliebter Vorwurf, den Trump und viele Wissenschaftsskeptiker v.a. in der Covid-Krise und im Klimawandel-Streit formulieren, sei der fehlende Konsens in der Wissenschaft. Ist es zum Beispiel ein Problem, dass 100% der Astronom*innen behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist, aber „nur“ 97% der Klimawisseschaftler*innen meinen, die globale Erwärmung sei vom Menschen verursacht? Eigentlich nicht, denn wissenschaftlicher Fortschritt lebt von Dissens und pluralistischen Ansätzen. Und doch bleibt die Frage: Wie kommuniziert man diesen Pluralismus der Öffentlichkeit, damit nicht der Eindruck eines schädlichen Dissens entsteht?
Hinzu kommt, dass Interessenverbände bewusst Zweifel säen können – etwa belegen Studien, dass Teile der Tabakindustrie über lange Zeit Forschende bezahlt haben, um Gesundheitsrisiken durch schlechte bzw. falsche Studien zu relativieren. Oder: In der medizinischen Forschung werden z. B. teils bestimmte Rattenstämme verwendet, um je nach Ziel empfindlichere oder unempfindlichere Resultate zu erhalten.
Zumeist liegt das Problem des Dissens aber nicht bei unehrlichen Wissenschaftler*innen, sondern darin, dass in aufstrebenden Forschungsgebieten häufig noch keine klaren Untersuchungsansätze und einheitliche Standards etabliert sind.
Schließlich stellte ich die Frage, ob eine positive Haltung gegenüber wissenschaftlichem Pluralismus auch bedeute, dass im Schulunterricht alternative Theorien wie der nachweislich völlig falscher Kreationismus neben der Evolution gelehrt werden sollten. Jemand meinte, dies könne sinnvoll sein, um solche Thesen argumentativ zu widerlegen. Für mich ist dies der völlig falsche Ansatz, aber darüber vielleicht einmal in einem anderen Blog mehr.
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Der italienische Wissenschaftshistoriker Simone De Angelis, der aktuell an der Universität Graz tätig ist, sprach u.a. über „das schwächste aller dem Menschen zur Verfügung stehenden Argumentationstypen“, das argumentum ab auctoritate. Die Akzeptanz eines Arguments soll dadurch erzielt werden, indem man sich kontrafaktisch auf eine Autorität beruft, dessen Zustimmung also nur imaginiert wird. Als Historiker verwendete De Angelis ein historisches Beispiel, nämlich den „Dialogo“ von Galileo Galilei aus dem Jahr 1632. In diesem bedeutenden wissenschaftlichen Werk der frühen Neuzeit setzt sich Galilei mit dem kopernikanischen heliozentrischen Weltbild auseinander und stellt es dem geozentrischen Weltbild von Ptolemäus gegenüber. Der Dialog ist in Form eines Gesprächs zwischen drei Figuren geschrieben: Salviati, der das kopernikanische Weltbild vertritt und Galileis Position widerspiegelt; Simplicio, der das ptolemäische System und damit die traditionelle Sichtweise der Kirche verteidigt; und Sagredo, ein neutraler Beobachter, der beide Seiten abwägt. In diesem Werk gibt es eine Passage, in der Salviati andeutet, dass Aristoteles, wenn er noch lebte, die neuen Beweise und Erkenntnisse berücksichtigt hätte und zu den gleichen Schlussfolgerungen gekommen wäre. De Angelis hat daher ausgerechnet Galileo Galilei als Beispiel für schlechtes Argumentieren herangezogen, was mir, der stets eine autoritätsskeptische Haltung einnimmt, sehr gefällt.
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Gunter Scholtz (Ruhr-Universität Bochum) beleuchtete die anhaltende Debatte in den USA zwischen den Humanities (Geisteswissenschaften) und den Sciences (Naturwissenschaften). Ein zentraler Streitpunkt ist die unterschiedliche Betrachtung von Fakten und Werten und deren Einfluss auf die Erkenntnisfindung. Naturwissenschaften stehen für sogenannte cold facts – objektive, messbare und reproduzierbare Daten, die als wertneutral gelten und auf empirischen Beweisen basieren. Diese Fakten bilden die Grundlage für überprüfbare Theorien. Die Humanities hingegen rücken values in den Vordergrund und berücksichtigen kulturelle, soziale und historische Kontexte, die die Interpretation von Fakten prägen. Geisteswissenschaftler argumentieren, dass Wissen nie vollständig wertfrei ist, da jede Interpretation vom Kontext und den Annahmen des Betrachters abhängt. Sie betonen, dass auch Naturwissenschaften nicht völlig frei von kulturellen und sozialen Einflüssen operieren, die ihre Praxis und Interpretation prägen (etwa bei Gentechnik oder KI). In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Humanities Konzepte wie Würde und Freiheit einbeziehen. Scientists kritisieren hingegen die Geisteswissenschaften dafür, Relativismus zu fördern und den Begriff der „Wahrheit“ zu verwässern, indem sie betonen, dass alles kontextabhängig sei und universelle Wahrheiten in Frage stünden. Bildung ist ein weiterer Zankapfel der Debatte. Scholtz zufolge könnten die Humanities als „Bildungswissenschaften“ gelten, da ihr primäres Ziel die Förderung von Bildung ist, die Reflexion über Werte einschließt. Die Sciences in den USA hingegen streben eine Ausbildung an, die analytisches und technisches Wissen vermittelt.
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Alexander Reutlinger von der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt einen eloquenten Vortrag darüber, wann Wissenschaftskritik illegitim ist und wie man strategischen Wissenschaftsskeptizismus analysiert und entkräftet. Nach Reutlinger arbeiten Wissenschaftsskeptiker, die ihre nicht-epistemischen Interessen (politische und/oder wirtschaftliche) wahren wollen, oft mit falschen Prämissen. Dies lässt sich zum Beispiel am typischen „Kein Beweis“-Argument verdeutlichen. Der strategische Wissenschaftsskeptiker sagt: „Wenn eine wissenschaftliche Hypothese nicht sicher bewiesen ist, dann haben wir keinen Grund, diese Hypothese für wahr zu halten (d.h. diese Hypothese zu glauben).“ Diese Prämisse ist jedoch falsch, denn es ist nicht das Ziel empirischer Wissenschaften, Hypothesen durch empirische Evidenz sicher zu beweisen; Beweise sind nur in der reinen Mathematik zu finden. Es ist jedoch gerechtfertigt zu fragen, wie gut eine Hypothese durch empirische Evidenz bestätigt wird. Das lässt sich mathematisch formulieren: Die Evidenz E bestätigt die Hypothese H dann, wenn E einen Grund dafür liefert, H für wahr zu halten, oder E entkräftet die Hypothese H, weil E einen Grund liefert, H für falsch zu halten. Jetzt kommt die Bayesianische Bestätigungstheorie ins Spiel. Sie wird verwendet, um Hypothesen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit entweder zu bestätigen oder zu widerlegen. Zum Beispiel: E bestätigt H genau dann, wenn P(H∣E) > P(H). in Worten gefasst: Eine Hypothese wird durch Evidenz bestätigt, wenn die Wahrscheinlichkeit der Hypothese unter Berücksichtigung der Evidenz höher ist als ihre anfängliche Wahrscheinlichkeit ohne die Evidenz. Das bedeutet, dass die neue Information (die Evidenz) unser Vertrauen in die Hypothese erhöht hat. Umgekehrt wird eine Hypothese durch Evidenz geschwächt, wenn P(H∣E) < P(H), das heißt, wenn die Evidenz Anlass gibt, weniger an die Hypothese zu glauben. So hilft die Bayesianische Bestätigungstheorie, systematisch und mathematisch begründet zu bestimmen, ob und wie stark neue Evidenz eine Hypothese stützt oder infrage stellt. Reutlinger erweitert logisch konsequent die Bayesianischen Theorie auf das Dissens-Argument der strategischen Skeptiker. Im Kontext des wissenschaftlichen Dissens steht W für verschiedene widersprüchliche Wissensaussagen, die berücksichtigt werden. Die Formel P(H∣W1,W2,…,W10)<P(H) bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit der Hypothese H sinkt, wenn mehrere gegenläufige Evidenzen herangezogen werden. Auch das „keine Ursache“-Argument strategischer Skeptiker, wie es etwa eine sehr lange Zeit die Zigarettenproduzenten zum Lungenkrebs verbreitet haben („Rauchen ist nicht notwendig, um Lungenkrebs zu bekommen“), ist probabilistisch zu entkräften: Eine Ursache (Rauchen) muss nicht hinreichend für das Auftreten der Wirkung (Lungenkrebs) sein, sondern nur dessen Wahrscheinlichkeit erhöhen.
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Weitere Vorträge, die mir gefallen haben, schon weil sie das Thema des Symposiums abbildeten, die ich aber aus Platzgründen hier nicht vorstellen kann, waren die Vorträge von Alexander Bogner über die Wissenschaftsskepsis aus wissenschaftssozilogischer Perspektive und von Karen Kastenhofer über die Rolle von Wissenschaftsfeindlichkeit und Wissenschaftsskepsis in Technikkontroversen. Beide Autoren sind am Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW tätig. Auch fand ich den Vortrag von Helmut Denk, Universität Graz, über die Homöopathie im 21. Jahrhundert als Beispiel für Wissenschaftsignoranz in der Medizin hilfreich, weil der Vortrag so gestaltet wurde, dass Schlüsse für die heutige Zeit gezogen wurden.
Es sind leider allzu viele Vorträge gehalten worden, bei denen ich über Geschichte belehrt wurde, aber nichts zum Symposiumsthema mitgenommen habe. Die Vortragenden machten sich meiner Meinung nach keinerlei Mühe, Schlussfolgerungen aus ihren Ausführungen für die Relevanz des Themas bzw. der Fragestellung zu ziehen. Namen nenne ich keine, da ich meine subjektive Wahrnehmung nicht zum Maßstab einer öffentliche Kritik erheben möchte.
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Der Vortrag der Wiener Philosophin Elisabeth Nemeth nimmt eine Mittelstellung ein. Bei ihrer Rede war die anschließende Diskussion sehr fruchtbar. Nemeth hielt einen Vortrag über Pseudorationalismus und Wissenschaftsskepsis. Dabei konzentrierte sie sich, wie im Programm angekündigt, auf die Perspektive von Otto Neurath (1882–1945), einem österreichischen Wissenschaftstheoretiker und Mitglied des Wiener Kreises. Ihre Analyse bezog sich speziell auf einen Vortrag, den Neurath am 17. Januar 1913 in Wien vor der Philosophischen Gesellschaft hielt. Klingt das für das Thema wenig mitreißend? Ganz und gar nicht! Neuraths Formulierungen sind spannend und bis heute relevant. Dies wurde jedoch erst durch kluge Fragen und Diskussionen des Publikums nach dem Vortrag deutlich, weshalb ich seine Überlegungen hier wiedergeben möchte.
Neuraths zentrale Idee in diesem Vortrag war das „Auxiliarmotiv“ (oder „Hilfsmotiv“) – ein feiner Begriff für das, was passiert, wenn wir uns in einem Entscheidungslabyrinth wiederfinden und nicht wissen, welche Richtung die richtige ist. Letztlich ziehen wir irgendeine Option heraus, rechtfertigen sie mit Motiven, die mit der eigentlichen Frage nichts zu tun haben. Nach Neurath besteht das Auxiliarmotiv in seiner reinsten Form im Losen. So wissenschaftlich und gleichzeitig poetisch wurde der Begriff „Losen“ noch nie erklärt.
Das Auxiliarmotiv hat im Pseudorationalismus auch eine tragende Rolle: Es hilft dabei, eine Theorie trotz aller Widerstände am Leben zu halten, indem man die Theorie so dreht, dass sie neuen Beobachtungen oder Einwänden trotzt. Solche Hilfsannahmen werden häufig nachträglich eingeführt – man denke an die Astronomie, wo ein bislang unbekannter Planet zum Modell hinzugefügt wird, nur damit es weiterhin funktioniert. Lieber einen Himmelskörper mehr als die ganze Theorie umkrempeln.
Aber jetzt kommt’s: „Was nicht klar ist, ist keine Wissenschaft“, postulierte der österreichische Pathologe Carl von Rokitansky (1804-1878) und Begründer der wissenschaftlich fundierten Diagnostik. Wissenschaftler, die an der Eindeutigkeit von Forschungsergebnissen festhalten, stehen unter einem enormen Druck. Was passiert, wenn Wissenschaftler behaupten, etwas sei „eindeutig“ bewiesen, obwohl es das gar nicht ist? Die Menschen, die dies erkennen, flüchten in Auxiliarmotiven, in Aberglauben, Esoterik, Homöopathie, Exorzismus und vieles mehr und lassen sich oft von Demagogen einfangen. Die Covid-Pandemie bot uns hier einen Crashkurs. Die Impfwirkung wurde uns als „rational eindeutig“ verkauft, und die Nebenwirkungen angeblich nicht der Rede wert – auch wenn die Forschungsergebnisse natürlich komplexer waren und sind. Während der Pandemie arbeitete die Wissenschaft in einem beispiellosen Tempo. Es ist bewundernswert, was in der kurzen Zeit an seriöser Forschungsarbeit geleistet wurde. Nur leider kam die Kommunikation nicht hinterher. Informationen wurden zu schnell und teils stark vereinfacht und beschönigend vermittelt. Der Eindruck ständiger Widersprüche machte die Menschen misstrauisch und verunsicherte sie. Was folgte, war der Griff zu zweifelhaften Alternativen, den Auxiliarmotiven, etwa in Form von Pferdearzneien. Eine ehrlichere Kommunikation hätte vielleicht das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse in der breiten Öffentlichkeit gestärkt.
Kritisches Fazit
Es sollte vielleicht vorab erwähnt werden, dass die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) einen gesetzlichen Auftrag hat. Dieser lautet (siehe § 2 ÖAWG):
„Ihre Aufgabe ist es, die Wissenschaft in jeder Hinsicht zu fördern; sie hat bei Erfüllung ihrer Aufgabe den Anspruch auf Schutz und Förderung durch den Bund.“
Letztlich stammen die finanziellen Mittel der ÖAW von mir, von dir und von vielen anderen Bürger*innen.
Auf der Webseite der ÖAW erfahre ich, dass sie sich selbst als „Stimme der Wissenschaft“ und als „Vermittlerin von Wissen“ versteht. Ihr Ziel ist es, ein lebendiger Ort der Vermittlung wissenschaftlicher Leistungen und Erkenntnisse zu sein, der die „Offenheit der Gesellschaft für Wissenschaft und Technologie“ fördert und sich besonders an „junge Menschen“ richtet, um die „Faszination des Forschens“ weiterzugeben.
In den gesetzlichen Grundlagen sowie in der Eigenwerbung findet sich somit kein Hinweis darauf, dass die ÖAW als aus Steuermitteln finanziertes Eliteprogramm für eine elitäre und betagte Gelehrtengemeinschaft fungieren soll. Genau diesen Eindruck hatte ich jedoch beim Symposium.
Und ich werfe die Frage auf, ob sich der Staat darüber informiert, ob der ÖAW den gesetzlichen Auftrag bestmöglich erfüllt und jungen Menschen die Faszination des Forschens vermittelt. Aber wie könnte der Staat dies wissen, wenn in einer Welt, in der selbst der Hygienezustand eines öffentlichen WCs mit Smiley-Buttons bewertet wird, die ÖAW es nach einer Veranstaltung unterlässt, Evaluierungsbögen auszuteilen? Weder eine kleine Umfrage am Ende noch eine freundliche E-Mail im Nachgang, die um Feedback und statistische Daten bittet, wurden angeboten. Und wenn die ÖAW ihre Veranstaltungen nicht evaluiert, dann kann schwerlich der Bund die ÖAW ordnungsgemäß überwachen. Und das ärgert mich, denn der Bund müsste kontrollieren, ob die Steuergelder zur Vermittlung von Wissenschaft angemessen ausgegeben werden.
Und ich frage mich daher weiters, ob interessierte Laien wie ich für die ÖAW bloß ein notwendiges Übel sind, das man ertragen muss, damit dem Fachklientel Wein, Kuchen und schmackhafte Häppchen (das muss man ihnen zugestehen) kredenzt werden kann.
Das Thema der Tagung war dabei äußerst aktuell: Sie hätte den Finger in die klaffende Wunde unserer Gesellschaft legen können – den Einfluss von Pseudowissen und Wissenschaftsfeindlichkeit aufdecken und Maßnahmen zur Bekämpfung evaluieren. Besonders in Österreich wäre dieser Auftrag von großer Bedeutung, da in einer Umfrage 57 % der Befragten angaben, kein Wissen über Wissenschaft zu benötigen, im Vergleich zu nur 37 % im EU-Durchschnitt. Dies ist schockierend!
Viel Neues habe ich auf dem Symposium gelernt – großes Dankeschön dafür. Trotzdem: Rückblickend finde ich den Titel so einladend wie ein Clickbait-Beitrag, der verspricht und am Ende enttäuscht. Nur wenige der Vortragenden gingen wirklich auf die Relevanz des Themas für heute ein; die meisten beschränkten sich auf historische Diagnosen. Und Maßnahmen? Fehlanzeige. Über die gesamte Dauer des Symposiums hinweg – kein einziges Panel beschäftigte sich ernsthaft damit, was Philosophie, Soziologie oder Geschichtswissenschaft zur Bekämpfung von Wissenschaftsfeindlichkeit beitragen könnten. Das ist natürlich in erster Linie auf die Symposiumsplanung zurückzuführen. Dieser ist es auch zu verdanken, dass nicht nur im Penal „Wissenschaftshistorische Aspekte“, sondern auch in sämtlichen anderen Penals die Vorträge vornehmlich geschichtlich geprägt waren. Spannend für historisch Interessierte, sicher. Doch der Titel „Wissenschaftsfeindlichkeit und Wissenschaftsskepsis aus historischer und philosophischer Perspektive“ suggerierte mehr als eine Fachveranstaltung für Insider aus der Geschichtsdisziplin und ausdrücklich hieß es in der Beschreibung sogar, dass die ÖAW einlädt, die „Hintergründe der Ablehnung von wissenschaftlichem Wissen zu diskutieren“.
Hier ein Punkt, der direkt an die Vortragenden gerichtet ist, die das Thema aus historischer Sicht behandelten: Historische, soziologische, philosophische Vorträge zu Themen mit aktuellem Bezug sollten von sich aus Relevanz herstellen, also den Brückenschlag in die Jetztzeit wagen. Wer über historische Ereignisse, Philosophen oder Wissenschaftler spricht, sollte uns auch explizit aufzeigen, warum dieser für das aktuelle Thema noch Bedeutung haben. Es ist nicht die Aufgabe des Publikums, diese Querbezüge herauszuarbeiten. Die bloße Präsentation von Daten und Meinungen historischer Persönlichkeiten reicht nicht – ein bisschen Mühe für ein Fazit wäre nicht verkehrt. Vielleicht ist das gelehrte Stammpublikum auch alles, was sich einige Vortragende als Zuhörerschaft wünschen – was absolut okay ist. Aber dann fragt man sich, warum sie auf einer öffentlichen Tagung auftreten, die auch ein breites und auch junges Publikum ansprechen soll.
Und kritisch merke ich auch an: Wenn Philosophen, Soziologen und Historiker sich bitter darüber beschweren, dass ihre Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs kein Gehör finden, sollten sie nicht vergessen, dass auch sie eine Leistung zu erbringen haben, die tatsächlich Wert für die Gesellschaft besitzt. Vor allem Historiker*innen sehen sich als Wissenschaftler, die nicht über die Vergangenheit zu urteilen haben. Das verlangt auch keiner. Aber wenn sie zögerlich oder vielleicht sogar unfähig sind, dem breiten Publikum die aktuelle Relevanz ihrer Erkenntnisse zu vermitteln, sollten sie sich nicht wundern, wenn das allgemeine Interesse an ihrer Meinung ausbleibt. Für humanistisch denkende Multiplikatoren, die sich ernsthaft um eine wissenschaftsaffine Gesellschaft bemühen, wird es dadurch nur noch schwieriger, Überzeugungsarbeit zu leisten.
Ja, die Tagung war öffentlich und kostenlos, und der Seminarraum gefüllt – hauptsächlich mit den Vortragenden selbst und einem offenbar treuen Stammpublikum im zumeist fortgeschrittenen Alter. Am letzten Tag, als es u.a. um (vornehmlich der Historie der) Homöopathie ging, waren sogar einige niedergelassene Ärzt*innen anwesend, die prompt gegen die (meiner Wahrnehmung nach) überaus zurückhaltenden Kritik an der Homöopathie protestierten. Der Widerstand stützte sich hauptsächlich auf das Argument, dass viele Patient*innen nach den homöopathischen Mitteln ausdrücklich verlangen und durchaus nennenswerte Erfolge erzielt werden können. Zu diesem Thema kann ich aber als Laie auf dem Gebiet der Medizin absolut nichts beitragen, weshalb ich nicht weiter dazu ausführen werde.
Einladende zu diesem Symposium war die „Kommission für Geschichte und Philosophie“. Einen Einblick in die internen Strukturen der ÖAW habe ich nicht, doch kann ich mir vorstellen, dass die enge Verknüpfung von Philosophie und Geschichte die geschichtslastige Auswahl philosophischer Vorträge bedingt.
Eigenkritik
Vielleicht hätte ich die Programmbeschreibung genauer studieren müssen, dann wären meine Erwartungen vermutlich anders gewesen und ich wäre nicht vom Symposium enttäuscht worden. Für die Zukunft weiß ich, dass die ÖAW-„Kommission für Geschichte und Philosophie“ sich mehr für Geschichte als für angewandte Philosophie interessiert. Den Fehler begehe ich kein zweites Mal. Aber ich halte am Vorwurf fest, dass das Thema Wissenschaftsfeindlichkeit und Wissenschaftsskepsis eine deutlich zeitgemäßere Behandlung hätte erwarten lassen.
Die Bedeutung der Philosophie darf nicht nur in Rückblicken auf verstorbene Denker gesehen werden. Auch wenn die Philosophie nicht dem gleichen rasanten Wandel unterliegt wie die Naturwissenschaften und über einen längeren Atem verfügt, dürfen auch von ihr Fortschritte erwartet werden und nicht nur Rückgriffe auf die bisherige Geschichte. Die Philosophie trägt entscheidend zur Lösung der aktuellen Probleme in unserer Gesellschaft bei. Man muss ihr nur die richtigen Fragen stellen.

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