Gefühl und Verstand: Plädoyer für einen kritischen Umgang mit der Intuition

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Ein Gastbeitrag:

Die treuen Leser*innen meines humanistischen Blogs wissen längst, dass ich regelmäßig im Café Kreuzberg im 7. Wiener Bezirk eine Diskussionsrunde moderiere, wobei ich mir diese Aufgabe mit anderen Moderator*innen teile. Das Debattierforum zieht vor allem philosophisch interessierte Menschen an, darunter gelegentlich promovierte Philosophinnen oder Philosophiestudierende. Es geht dabei fast immer lebhaft zu, und nicht selten fliegen die Fetzen – manchmal so sehr, dass jemand verärgert den Raum verlässt. Doch am Ende sitzt man doch wieder beisammen, hebt das Weinglas und stößt freundschaftlich auf den Abend an. Diese Treffen sind mal amüsant, mal aufreibend, aber langweilig? – nie! Aus diesen Debatten habe ich schon einige Denkanstöße für meinen Blog mitgenommen. Ähnlich ergeht es meinem guten Freund Johannes Werner, dem die Diskussionen ebenfalls noch lange nachgehen. Im folgenden Gastbeitrag reflektiert er über eine Debatte, die von einer anderen Moderatorin geleitet wurde und die sich um Vernunft und Gefühl drehte. Was zählt mehr – das Bauchgefühl oder der Verstand? Sollten wir auf die Intuition hören oder der Vernunft Vorrang geben? Hier seine anregenden Gedanken dazu.


(Hinweis: Die Veröffentlichung eines Gastbeitrags bedeutet nicht notwendigerweise eine Zustimmung zu dessen Inhalten.)


This article is also available as an English-language podcast.


Gerade hat der Wahlkämpfer Donald Trump in den USA mit der Methode des Gebrülls triumphiert und die Wahrheit als „überschätzt“ vorgeführt. Doch vorher schon: Die Freude, autoritär geführt zu werden, beschämt die Erfreuten immer weniger; störender wirkt der demokratische Streit; und immer nachdrücklicher ist die Zustimmung zu irrationalen, inhumanen Welterklärungen von lautstarken Anwälten des sogenannten Gesunden Menschenverstandes.

Vor diesem Hintergrund fand im Sommer 2024 im Café Kreuzberg eine Diskussion statt, die wegen ihrer bedauerlichen Aktualität die folgende Nachlese verdient. Das Thema war nicht neu. Schon der Scholastiker Johannes Duns Scotus (+ 1308; selig gesprochen am 6.7.1991) betonte den Primat von Liebe, Glaben und Willen über den Verstand.

Im Café Kreuzberg stand es in folgender Form zur Diskussion:

Vernunft oder Gefühl?

Die Stimmung der Amateurdenkerwar schon recht aufgeladen, als die Moderatorin rhetorisch fragte:

–             „Steht das Gefühl über der Vernunft? Sollen wir dem (Bauch-)Gefühl  vertrauen, auch wenn die Vernunft etwas Anderes sagt?“

–             „Kann sich das Gefühl irren?“

–             „Kann sich die Vernunft irren?“

Die dreieinhalb Fragen (die beiden letzten wären wohl mit „No-na“ zu beantworten) schienen mir wie eine Art Schild.  Das heißt, die Fragezeichen waren bloß der Höflichkeit und ihrer Rolle als Moderatorin geschuldet, und was sie meint war dieses:

–             das „Gefühl“ steht über der „Vernunft“

–             das „Gefühl“ ist – mindestens – zuverlässiger als der „Verstand“

–             die „Liebe“ steht über der „Vernunft“

–             in der Welt ist zu viel „Vernunft“ und zu wenig „Gefühl“.

Die Moderatorin steht jedenfalls in einer langen Tradition, spätestens seit Goethe und auch der/die zeitgeistige Bildungsbürger*in der Gegenwart hört Solches mit Wohlwollen.

Nachdenkliche Menschen und erst recht denk-pflichtige Philosoph*innen treten erst einmal einen Schritt zurück und holen tief Luft. Wovon genau ist die Rede?

Zusammenfassend bleibt wohl stehen: „das Gefühl („Bauchgefühl“?!) steht über dem Verstand“.

Die Zusatzfragen, „ob sich das Gefühl, bzw. der Verstand irren können“, lassen sich doch achselzuckend mit einem „ja, natürlich“ erledigen, oder? Sind nicht alle Tragödien der menschlichen Geschichte, jede einzelne Gräueltat, auf ein Vernunft-Versagen und/oder auf fehlgeleitete (z.B. patriotische) Emotionen zurückzuführen?

Halt! Widerspruch in der denkenden Runde: „Gefühl irrt nicht, Liebe überwindet Alles!“

Erhitzte Amateurphilosophinnen und selbst-ermächtigte Amateurdenker bestehen beide auf dem Primat des Gefühls. Weil das Gefühl etwas Gutes sei und es eben nicht dem gemeinen Verstand Rechenschaft schulde, metaphysisch verschieden eben, könne es sich nicht oder kaum irren. Viel weniger jedenfalls als die Vernunft, welche im besten Fall kalt wäre, doch viel eher böse, man sehe nur, wie weit die Menschheit mit ihrer sogenannten Vernunft gekommen wäre. Diese süße philosophisch-pubertäre Träumerei hat aber durchaus handfeste Konsequenzen hat, wie wir noch sehen werden.

Zustimmend kann man sagen: Vernunft und Gefühl sind in der Tat metaphysisch verschieden, oder besser ontisch verschieden. Sehr sogar. Aber beide tragen zum Bilden von Überzeugungen bei (wir wollen hier nicht Erbsen zählen und auf einer Unterscheidung von „Verstand“ und „Vernunft“ (I. Kant) bestehen)

Widmen wir uns also genauer der Behauptung das „Gefühl steht über dem Verstand“. Gemeint sein kann zweierlei, nämlich                    

a.) „das Gefühl ist für uns wichtiger als Verstand!“

Das ist in gewisser Weise richtig. Denn schon das Urteil, dass etwas für uns „wichtig“ ist, gehört in den Bereich der Gefühle! Alles Urteilen und Entscheiden findet im Kern des Menschlichen statt, im   außersprachlichen und außer-formalen Bereich. Wir urteilen gemäß dem „Gefühl“, dass etwas für uns „wichtig“ ist oder nicht. Um für uns wichtig zu sein, muss etwas unser Gefühl berühren; man wünscht, dass etwas sei oder eben nicht sei. Im Gegensatz dazu bezeichnet die gleichlautende Rede vom „Wichtigen“ in der materiellen Welt („es ist wichtig, dass der Tank voll ist, wenn wir in den Urlaub fahren“) bei genauem Hinsehen lediglich die Feststellung, dass etwas gegeben sein muss, damit etwas anderes eintritt.

So gesehen, ist die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit des Menschen untrennbar mit seinen Gefühlen, die wiederum seine Interessen determinieren, verbunden. Für Kant ist diese Gabe der Urteilsfähigkeit ein unerklärliches Rätsel, und sie ist jedenfalls vom rein informationsverarbeitenden Verstand getrennt.  Diese rätselhafte Gabe lässt uns auch das Gute vom Bösen (subjektiv) unterscheiden. Und dabei fließt Alles ein, was einen Menschen ausmacht: seine Geschichte, sein Wissen, seine Vorurteile, sein Charakter, seine Gesundheit etc. etc..

Der Verstand hingegen, nämlich jene Fähigkeit, die im Kreuzberg mit Hingebung an den Pranger gestellt wurde, ist das Vermögen des Menschen sprachlich mitteilbare Tatsachen zu erkennen, zu ordnen, zu verstehen und zu nützen. Der Verstand bringt dem Menschen die Tatsachen zur    „Kenntnis“ und die Vernunft erzeugt dazu die weitergehenden und  abstrakteren Erklärungen und Folgerungen.  Das so erzeugte „Weltbild“ wird von Verstand und Vernunft dem Menschen, also  seiner emotionalen Gefühlswelt, zur Verfügung gestellt. Punkt! Verstand und Vernunft haben keine Gefühle, sondern verarbeiten Information. Nur der Mensch in seiner Gesamtheit entscheidet, wie er damit verfährt. Nur ein Mensch als emotional Ganzes kann gut oder böse sein, richtig oder falsch entscheiden. In der Welt seiner Gefühle entscheidet sich ob Gutes oder Verderbliches hervorgebracht wird.

In diesem Sinn steht das Gefühl über dem Verstand.

Doch sind Verstand und Vernunft wirklich die einzigen Quellen, aus welchen der gefühlsbehaftete Mensch schöpft bevor er urteilt und entscheidet? Das ist offensichtlich nicht der Fall, was manche zu der Behauptung führt:

b.) „das Gefühl ist als Informationsquelle wichtiger und besser als der Verstand!“

Das ist herzerwärmend und romantisch. Es ist aber auch – zu ernst genommen – Leid bringend,   gefährlich (bis zum Verbrecherischen) und schlicht falsch.

Zwar existiert in der Tat Intuition. Diese hat unbewusste, nichtsprachliche Anteile: „Bauchgefühl“ ist weitgehend synonym mit Intuition.

Keine größere geistige Errungenschaft wurde ohne Intuition oder Bauchgefühl hervorgebracht. Das Bauchgefühl kann auch unbewusstes Wissen beherbergen, das im Verstand (noch) nicht vorhanden ist. Eine Mutter versteht ihr Baby oft intuitiv ohne es erklären zu können oder zu wollen.

Wahrscheinlich können Frauen auch nichtsprachliche Signale ihrer Mitmenschen tendenziell besser als Männer lesen („weibliche Intuition“?!). Dies vielleicht wegen des  angeborenen Brutpflegeverhaltens, und wohl auch erlernt als Gegengewicht und Waffe gegen männliche Dominanz. Speziell Frauen schätzen daher dieses „Bauchgefühl“ hoch.

„Grau teurer Freund ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ sagt Mephistopheles in Goethes Faust, und meint, dass sich die eigentliche Erkenntnis im praktischen Leben intuitiv vollzieht. Die Intuition war auch für den genialen, aber gänzlich ungebildeten Mathematiker Srinivasa Ramanujan (fast) alles, was er hatte, um unsterbliche Mathematik zu erschaffen.  Die irrationale Lust am rationalen Denken trieb ihn an und wir geben es zu: jede Lust, auch die Lust am Rationalen ist irrational. Sie ist außerhalb des informationsverarbeitenden Verstandes.

Aber: das Bauchgefühl kann auch krass und verderblich versagen.

Wer kennt nicht die Bilder emotional überwältigter Frauen, die mit Tränen in den Augen ihrem „Führer“ huldigten? Das Bauchgefühl sagte ihnen, dass „unser Führer“ das Geschenk der Vorsehung an die deutsche  Nation sei.

Allgemein hat alle Diskriminierung, alle Ausgrenzung, jeder Rassismus, Sexismus etc. eine starke emotionale Komponente, das „Bauchgefühl“ eben. Bei Männern und Frauen.

Auch Kriege wären ohne patriotische oder religiöse Zugehörigkeits- bzw. Bauchgefühle kaum zu führen.

Das Bauchgefühl bekräftigt oft unsere Vorurteile, ob berechtigt oder nicht, und es erzeugt auch eine warnende Abwehr gegen alles Neue, denn es könnte ja bedrohlich sein

Bei manchen Menschen ist es allerdings auch genau umgekehrt. Sie empfinden eine emotional betonte Neugier und Lust am Wagemut.

Die Intuition, das Bauchgefühl, ist also eine weitere Quelle der Information für den urteilenden und entscheidenden Menschen aber nicht mehr. Schließlich erhöhendie romantische Verklärung, die absolut-Setzung und die Mystifizierung des Bauchgefühls dasselbe zum Vorteil jener Menschen, die an ihren Verstand nicht glauben wollen oder können. Der Glaube an das Bauchgefühl ersetzt ihnen das weitere Nachdenken und die drückende Pflicht zur intellektuellen Redlichkeit. Das richtet sich wohlgemerkt nur gegen die „metaphysische Verklärung“ eines Gefühls. Ohne Intuition und „Bauchgefühl“ andrerseits können und wollen wir nicht leben!

Ein gefestigter Mensch aber beherrscht sein „Bauchgefühl“ und wird nicht von ihm beherrscht oder gar überwältigt. Seine Kompetenzen kooperieren harmonisch. Das Bauchgefühl kommt aus der Steinzeit und beherbergt unsere animalischen Fähigkeiten. Es ist nicht an die Welt angepasst, die wir heute vorfinden. Auch wer das bedauert, sollte nicht geistig erblinden, denn das ist kreuzgefährlich.

Statt das Bauchgefühl zum womöglich einzigen Maßstab zu erheben, sollten wir wohl eher unseren Charakter  bilden, sodass das „Bauchgefühl“ durch den Charakter   positiv ausgerichtet wird. Wissen, Toleranz, Neugier, Wohlwollen  und intellektuelle Demut anzustreben, statt verzückt auf  unserer „innere Mitte“ zu starren, das macht das Bauchgefühl erst dadurch zur positive Kraftquelle.

Und: im Alter sollten wir uns noch eine weitere emotionale Fähigkeit wünschen: nämlich die eigene    Unzulänglichkeit und auch die unserer Mitmenschen einfühlend zu verstehen und mit einem  Lächeln zur Kenntnis zu nehmen. Das nennt man aber nicht Bauchgefühl, sondern Weisheit.

Zur Person des Verfassers des Gastbeitrages:

Johannes Werner ist promovierter Physiker, Experte für geistiges Eigentum und für internationale Beziehungen und Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich. Seit seiner Pensionierung konzentriert er sich darauf, Physiker, Philosophen und Amateuerdenker in einer von ihm organisierten Vortragsreihe zusammenzubringen.

2 Antworten zu „Gefühl und Verstand: Plädoyer für einen kritischen Umgang mit der Intuition”.

  1. Avatar von generousddf52f96f9
    generousddf52f96f9

    Lieber Clemens,

    danke für den ausgezeichneten Kommentar! Mir ist nur die Identität des Autors nicht klar: Wagner oder Werner? Egal, Schall und Rauch. Ich wollte meine Begeisterung in einem Kommentar zum Kommentar ausdrücken, bin aber technisch gescheitert, was einzig auf meine totale Inkompetenz im Umgang mit den Mittel moderner Kommunikation zurückzuführen ist.

    Ich hoffe, es geht Dir gut!

    Liebe Grüße,
    Albin

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    1. Avatar von clemenslintschinger

      Hallo Albin, Werner ist richtig. Habe meinen Fehler korrigiert. Danke dir. Freue mich, wenn der Gastbeitrag gefallen hat. Wie wäre es mit dir, willst du auch? Das wäre super!

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