Endlich hatte auch der Humanistische Verband Österreich (HVÖ) die Gelegenheit, mit dem ORF über die Ergebnisse einer von diesem beauftragten Studie zu sprechen. Das Interview war freundlich und sachlich, und der heute veröffentlichte Beitrag auf der ORF-Webseite kommt erfreulicherweise ohne feindliche Untertöne oder ironische Seitenhiebe aus. Dafür gilt mein persönlicher Dank der Autorin Irene Klissenbauer – und ich verlinke an dieser Stelle sehr gerne auf den informativen Artikel bei religion.orf.

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Über den Inhalt der ORF-Studie „Woran glaubt Österreich?“ werde ich gesondert im Rahmen anderer Beiträge berichten. Sie reiht sich in eine wachsende Zahl von Studien ein, die den Amtskirchen ein zunehmend düsteres Bild zeichnen. Doch unabhängig davon bleibt ein entscheidender Punkt: Die erstmalige Berücksichtigung des HVÖ (und anderer atheistischer Vereinigungen) in einem ORF-Beitrag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Konfessionsfreie im ORF einen äußerst schweren Stand haben.
- Ein Abteilungsname, der Bände spricht
Der Auftraggeber der Studie ist die ORF-Abteilung für Religion und Ethik. Bereits der Name dieser Abteilung wirft Fragen auf. In einem Medium wie dem ORF, das einen öffentlichen Bildungsauftrag hat, spiegelt der Name eines Ressorts die Relevanz wider, die man einem Thema beimisst. Der ORF scheint jedoch kein Interesse daran zu haben, über Weltanschauungen zu berichten – sein Fokus liegt klar auf Religionen.
Und die Philosophie? Fehlanzeige. Mit Ausnahme des Teilfachs Moralphilosophie (Ethik) wird ihr nicht einmal der Hauch von Bedeutung zugestanden.
Auf Nachfrage heißt es, lange Ressortnamen seien aus marketingtechnischen Gründen nicht praktikabel. Die Philosophie muss der Religion weichen, weil es der Vertrieb so will. Und auch die Weltanschauung der Konfessionsfreien bleibt nur ein totgeschwiegenes Anhängsel.
Diese Prioritätensetzung offenbart einiges über das Selbstverständnis des ORF und dessen Interpretation des öffentlichen Bildungsauftrags.
- Eine gesetzliche Schieflage
Die einseitige Ausrichtung des ORF ist jedoch nicht allein dem Sender anzulasten, sondern auch dem österreichischen Gesetzgeber. Das ORF-Gesetz sieht vor, dass ein Publikumsrat die Interessen der Seherinnen und Hörerinnen vertreten soll. Während die römisch-katholische und die evangelische Kirche jeweils ein Mitglied entsenden dürfen, bleiben Muslime, Orthodoxe und insbesondere Konfessionsfreie außen vor – trotz weit höherer Bevölkerungsanteile. Ein Blick auf die Zahlen macht die Absurdität deutlich: Während die Evangelischen mit knapp 250.000 Mitgliedern (2,7 %) vertreten sind, bleiben rund 3 Millionen Konfessionsfreie (32,4 %) gänzlich ungehört.[1] Mit anderen Worten: Etwa 250.000 Menschen evangelischen Glaubens dürfen ihre Interessen im ORF wahrnehmen, knappe 3 Mio konfessionslose Menschen dürfen das nicht.
Das Ergebnis dieser gesetzlichen Privilegierung ist ebenso vorhersehbar wie enttäuschend: Konfessionsfreie spielen in der ORF-Berichterstattung kaum eine Rolle.
Fazit
Dennoch bin ich vorsichtig hoffnungsvoll, dass wir dem ORF in unserem Gespräch vermitteln konnten, dass es keinen plausiblen Grund gibt, Konfessionsfreie weiterhin zu ignorieren. Rund drei Millionen Menschen kann auch ein religiös beeinflusster ORF nicht dauerhaft übersehen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es höchste Zeit, dass auch wir Gehör finden – und zwar nicht als Randnotiz, sondern als integraler Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte.
[1] Quelle: © Daten Scientist Mag. Balázs Bárány. Zur Methodik vide: https://wiki.avoesterreich.at/index.php/Konfessionen_und_Konfessionsfreie_in_%C3%96sterreich

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