„La verità fu sempre solo figlia del tempo (Die Wahrheit war immer nur die Tochter der Zeit)“ ist ein Zitat, das Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. Es drückt den philosophischen Gedanken aus, dass sich unsere Vorstellung von Wahrheit im Laufe der Zeit verändert, und dass manchmal Zeit vergehen muss, bevor Wahrheiten erkannt oder akzeptiert werden können. Diese Einsicht kommt einem in den Sinn, wenn man die hervorragende Biografie „Lucullus Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik“ von Peter Scholz, Professor für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart, gelesen hat.

Der Biograf präsentiert uns ein völlig neues Bild von Lucius Licinius Lucullus (118-56 v.Zr.). Statt der herkömmlichen Darstellung eines dekadenten, ausschweifenden Taugenichts mit Hang zu exquisiten Prachtvillen und exotischen Fischen, Vögeln und Speisen lernen wir einen talentierten Militärstrategen und erfolgreichen Heerführer kennen, der nicht nur für Rom bedeutende Siege erlangen konnte, sondern wegen seiner gemäßigten Führung ein beliebter Herrscher im Osten war.
Aber noch mehr: Weise erkannte und akzeptierte Lucullus rechtzeitig, dass er als Anhänger der alten römischen Republik gegen die neuen autokratischen Mächte, insbesondere gegen die Schlägertruppen eines Caesars, nicht anzukommen vermag. Er zog sich angesichts der zunehmenden Gewalt und Aussichtslosigkeit republikanischer Politik zurück und wandte sich einem genussvoll gestalteten Privatleben zu.
Sein schlechtes Image als Symbol einer degenerieren Aristokratie geht zurück auf seine Neider und Gegner, welche die römische Senatsrepublik zu Fall gebracht hatten bzw. die autoritäre Herrschaft Caesars und seiner Nachfolger verherrlichten.
Dass Lucullus in jener Umbruchszeit lebte, als die spätrömische Republik am inneren Ausbluten ist, macht das Werk auch für humanistisch Gesinnte zu einer lohnenden Lektüre. Streckenweise lässt einem das Buch erschaudern, weil man glaubt, eine Blaupause für den Niedergang der Demokratie auf der anderen Seite des Atlantiks zu lesen.

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Zum Aufbau und Inhalt des Buches
Bevor Scholz auf die eigentliche Lebens- und Militärgeschichte von Lucius Licinius Lucullus eingeht, stellt er das Kapitel „Die Republik: Eine kurze Geschichte von Aufstieg und Spaltung“ voran. Dies ist ein besonders erhellender Abschnitt, der viel Wissenswertes über die Gründe des Untergangs der Senatsrepublik enthält.
Gekonnt zeigt der Autor auf, dass die römische Republik und die Freiheit der römischen Bürger nie mit dem griechischen Modell vergleichbar waren. Im Gegensatz zu den attischen Volksversammlungen konnte in Rom kein amtsloser Bürger selbst das Wort ergreifen oder Anträge einbringen. Die römische Republik war eine Senatsaristokratie mit einem engen Netz von Klientelbeziehungen zwischen patroni und clientes (Gefolgsleuten). Senator war man auf Lebenszeit, jedoch war die Zulassung zum Senat eng an die vorherige Ausübung eines Magistratsamtes gebunden. Ein Magistratsamt (z. B. Konsul, Prätor, Zensor) konnte man nur ein Jahr innehaben.
Die Plebejer (die „Nicht-Adligen“ oder „gemeinen Bürger“) waren vor allem Bauern, Handwerker und Arbeiter, die zu Beginn der Republik politisch benachteiligt waren, insbesondere bei der Besetzung hoher Ämter. Um sich gegen die Macht der Patrizier zu wehren, etablierten die Plebejer im Laufe der Zeit den Volkstribun. Der Volkstribun hatte ein Veto-Recht, was bedeutete, dass er die Beschlüsse des Senats oder anderer Magistrate blockieren konnte, wenn er sie als ungerecht gegenüber den Plebejern betrachtete. Das Volkstribunat entwickelte sich zu einer wirksamen Schutzinstitution gegen die politische Dominanz der Patrizier – und war ein Mittel, plebejische Interessen gegenüber dem Senat zu verteidigen.
Dieser Dreiklang aus Senat, Magistraten und Volk trug über lange Zeit zum politischen Gleichgewicht der Republik bei. Die militärischen Erfolge und die damit verbundene Expansion führten jedoch zu einem Zustrom von Sklaven aus den eroberten Gebieten, was erhebliche soziale und wirtschaftliche Ungleichgewichte zur Folge hatte.
Die Details, wie zum Beispiel der Kampf der Gracchen (die Volkstribune Tiberius und Gaius Gracchus) um Landreformen gegen den Widerstand des Senats, lesen sich bei Scholz wie ein Krimi. Eine auffällige Besonderheit in diesem Fall: Im Kampf des Volkes gegen die Herrscher ist es üblicherweise das Volk, das die Barrikaden stürmt, um die Herrscher zu entmachten (und manchmal auch zu erschlagen). Wann liest man schon, dass die Politiker (hier: Senatoren) aus dem Parlament (hier: Tempel) stürmen, mit Knüppeln auf das Volk einschlagen und den Aufrührer (hier: Volkstribun) töten?
Selten ist es einem Autor so gut gelungen, Geschichte so lebendig und zugleich für Laien der römischen Gesellschaft verständlich darzustellen. Der Leser gewinnt ein tieferes Verständnis dafür, wie sich die Ereignisse miteinander verknüpfen und wie es zwangsläufig zum Niedergang des Senats kommen musste.
In der Biografie von Lucullus nimmt seine militärische Karriere, insbesondere seine Heereszüge gegen Mithridates und sein Umgang mit den besiegten griechischen Städten in Asien, einen großen Raum ein. Von Sulla wurde Lucullus als loyaler und fähiger Feldherr geschätzt. Von den besiegten Griechen wurde er als Wohltäter verehrt, da er sich gegen die römischen Steuerpächter und Kriegszugsinvestoren stellte, die beabsichtigten, die eroberten Städte durch übermäßige Steuerlasten auszubluten. Während Lucullus in vielen griechischen Städten Denkmäler errichtet wurden, zog er sich den Hass und die Verachtung der römischen Geldaristokratie zu, die eine solche milde Behandlung der eroberten Gebiete ablehnte.
Lucullus wurde unter anderem von Publius Clodius Pulcher, dem Bruder seiner Frau Clodia, hintergangen. Clodius zettelte eine Meuterei gegen Lucullus an, während dieser in seinem militärischen Einsatz war. Als Lucullus von seinem Feldzug zurückkehrte, trennte er sich sofort von Clodia und warf ihr Ehebruch vor. Gerüchten zufolge soll sie mit ihrem eigenen Bruder die Affäre gehabt haben.
Lucullus’ politische Laufbahn endete mit einem Triumphzug – allerdings nicht, ohne zuvor einige Jahre vor den Toren Roms warten zu müssen, was selbst für einen Triumphator reichlich demütigend war.
Die Biografie behandelt auch das Leben Lucullus nach seinem unfreiwilligen Rückzug ins Privatleben. Arm musste Lucullus seine Stellung als Privatier nicht verbringen. Er wusste seine Amtszeit in klingender Münze zu versilbern und verwandelte sein Privatleben in ein Paradebeispiel römischer Luxus- und Lebenskunst. Lucullus verstand es grandios, das Geschäft mit seinem persönlichen Vergnügen zu verbinden. Den Römern präsentierte er luxuriös ausgestaltete Villen an gut sichtbaren Plätzen mit prachtvollen Gärten und Fischteichen und Vogelhäusern. Die Besucher wurden inspiriert, bei ihm um teures Geld exotische Fische und Vögel käuflich zu erwerben. Rasch wurde Lucullus Vorbild für erlesenen Geschmack und für zu Schau gestellten Luxus. Wer etwas auf sich hielt, besuchte Lucullus und kaufte bei ihm ein.
Die Feinde der Republik, allen voran Caesar, Pompeius und Crassus, und alle späteren Autokraten, nutzten es, um Lucullus als den Inbegriff von Dekadenz abzustempeln und sich selbst im Kontrast als bescheidene Diener des Gemeinwesens zu stilisieren.
Dabei war Lucullus alles andere als nur ein neureicher Prasser. Er war ein vir humanus, ein Freund der Bildung und der schönen Künste. Mit Marcus Tullius Cicero verband ihn die Liebe zur griechischen Sprache und Philosophie, seine Villa beherbergte eine umfangreiche und öffentlich zugängliche Bibliothek – ausgestattet nicht nur mit Schriften von Aristoteles, sondern auch mit bequemen Sitzgelegenheiten und intellektuell anregendem Ambiente. Lucullus selbst war dort kein seltener Gast, er suchte das Gespräch mit Gelehrten und scheute sich nicht, an ihren Diskussionen teilzunehmen.
Dazu passend, weil überaus mehrdeutig, wie Peter Scholz eindrucksvoll herausarbeitet, ist jene Herkules-Statue, die Lucullus in Rom aufstellen ließ – nicht als prahlerisches Heldenbild, sondern als Mahnmal eines entwürdigenden Endes. Nicht der siegreiche Muskelprotz mit Keule und Löwenfell, sondern der leidende Halbgott kurz vor dem Scheiterhaufen: von Schmerz gezeichnet, gequält von einem Gewand, das seine eigene Frau überreicht hatte, weil sie es fälschlich für ein Liebesmittel hielt. Tatsächlich war es getränkt mit dem vergifteten Blut des listigen Kentauren Nessos. Das Gift brannte sich tief in sein Fleisch, und Herkules, der Unbesiegbare, fand keinen anderen Ausweg als den Freitod im Feuer. Erst im Tod, so die Sage, wurde ihm göttliche Ehre zuteil: Zeus erhob ihn unter die Unsterblichen. Scholz erläutert:
„Damit demonstrierte er nicht nur seinen eigenwilligen Charakter und extravaganten Geschmack; mit dieser Wahl hatte er vor allem einen einzigartigen, sinnfälligen bildlichen Ausdruck für seine persönliche Leidensgeschichte, für seine Enttäuschung über die vorzeitige Abberufung vom Kommando im Krieg gegen Mithridates gefunden“.
Die Statue drückte aus, was Lucullus über sich selbst dachte. Er war unbesiegt geblieben und wurde wegen politischer Intrige kaltgestellt. Dass auch die Öffentlichkeit der Statue diese Bedeutung zusprach, zeigt ihr Schicksal nach dem Tod Lucullus. Denn sie wurde mehrfach entfernt und (an anderer Stelle) wieder aufgebaut, abhängig davon, welche politische Gruppierung gerade Oberwasser hatte.
Kritik
Nur wenige Kritikpunkte trüben das Gesamtbild leicht:
Falsche Erwartungen
Der Titel „Lucullus“ ist für Gourmets eine Verheißung. Insbesondere der Untertitel „Genießen in der späten römischen Republik“ erweckt Erwartungen. Lucullus wird in der modernen Populärkultur als der Inbegriff des Schlemmerprinzips dargestellt, berühmt für seine opulenten Bankette und luxuriösen Extravaganzen. Doch in diesem Buch erfahren wir kaum Details über die kulinarischen Genüsse und Exzesse des Protagonisten. Neben der gelungenen Darstellung der militärischen und politischen Karriere von Lucullus konzentriert sich der Autor auf die architektonischen und künstlerischen Übertreibungen Lucullus’. Wer also ein Buch erwartet, das tief in die Welt der römischen Gelage eintaucht, wird enttäuscht sein.
Die Suche nach der richtigen Anmerkung
Die Anmerkungen beginnen zu jedem Kapitel neu – eine editorische Entscheidung, die legitim ist. Was jedoch irritiert ist, dass im Anhang darauf verzichtet wurde, die Anmerkungsblöcke mit den jeweiligen Kapiteln zu überschreiben. Das zwingt Leserinnen und Leser, welcher einem Hinweis auf eine Anmerkung nachgehen wollen, immer wieder dazu, umständlich das zugehörige Kapitel zu eruieren – eine vermeidbare, zunehmend lästige Unterbrechung des Leseflusses.
Für wen ist das Buch interessant?
Der Schreibstil des Autors ist prägnant und flüssig, was das Buch für alle wissensdurstige Leser*innen sehr zugänglich und angenehm zu lesen macht.
Das Buch zielt darauf ab, das negative Bild von Lucullus zu korrigieren und ihn als fähigen und menschlichen Protagonisten darzustellen. Das führt dazu, dass der Leser schnell „auf der Seite“ von Lucullus steht und mit ihm leidet und fühlt – was das Lesevergnügen steigert. Gelehrte Historiker könnten die nötige historische Distanz vermissen bzw. die einseitige Darstellung als problematisch empfinden.
Indes empfehle ich Historikern uneingeschränkt dieses akribisch recherchierte Sachbuch und allen, die sich für die römische Geschichte oder Militärführung interessieren. Es bietet eine Fülle von Informationen und historischen Querbezügen, die dem Leser helfen, die komplexen politischen und militärischen Entwicklungen der späten römischen Republik besser zu verstehen. Besonders bemerkenswert ist, wie der Autor die Verwandlung der römischen Senatsrepublik in eine Autokratie schildert und warum Lucullus trotz seiner militärischen Erfolge im Osten rasch aus der Erinnerung verschwand – und stattdessen als Symbol einer dekadenten Aristokratie in die Geschichte einging.
Auch für überzeugte Demokrat*innen und wache Beobachter*innen des aktuellen politischen Geschehens bietet das Buch eine lohnende Lektüre.
Verlag
Das Werk „Lucullus Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik“ von Peter Scholz ist im Jahr 2024 im Klett-Cotta Verlag J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH (Stuttgart) mit 408 Seiten in der Printausgabe (ISBN 978-3-608-98778-2) und als E-Book (ISBN 978-3-608-12258-9) erschienen. Der Ladenpreis beträgt EUR 28,80.
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