Servus Sonne und Wind, pfiati Kohle!

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Selten stolpert man inmitten grauer Schlagzeilen über eine Nachricht, die sacht Zuversicht in den Alltag streut. Aber gelegentlich passiert es doch und es zeigt sich unerwartet ein Hoffnungsschimmer. Heute ist so ein Tag, ich habe eine gute Nachricht zu verkünden. Eine jener seltenen, die man sich am liebsten einrahmen und über den Schreibtisch hängen möchte. Es ist wahrlich etwas Historisches passiert.

Haltet euch fest und genießt es: Im ersten Halbjahr 2025 hat zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen die Stromgewinnung aus Kohle im globalen Strommix überholt!

Der neue „Global Electricity Mid-Year Insights 2025-Report“ des Ember Energy Research CIC 1zeigt, was man ohne Übertreibung einen Wendepunkt nennen darf: Der Zuwachs von Solar- und Windenergie überstieg erstmals das Wachstum der weltweiten Stromnachfrage! Sonne und Wind sind nicht länger nur Zubrot im Energiemix, sondern sie tragen die Hauptlast des Wachstums.

Anders gewendet: Da der weltweite Energiebedarf zwar steigt, aber Strom einen wachsenden Anteil am Endenergieverbrauch ausmacht, hat das Wachstum der Solarenergie zusammen mit der ebenfalls zunehmenden Winderzeugung die gesamte neue Nachfrage nicht nur gedeckt, sondern sogar übertroffen.

Dies führte dazu, dass die erneuerbaren Energien den Anteil der Kohle am globalen Mix überholten und einen weiteren Anstieg der CO2-Emissionen aus dem Stromsektor verhinderten.

Der Aufstieg der Erneuerbaren in Daten

Dieser Absatz ist für die Daten-Nerds unter uns: Die weltweite Stromnachfrage ist im ersten Halbjahr 2025 um 2,6 % (+369 TWh) gestiegen. Dieser Anstieg wurde durch Zuwächse bei der Stromerzeugung aus Sonne (+306 TWh, +31 %) und Wind (+97 TWh, +7,7 %) folglich rechnerisch mehr als ausgeglichen. 83 % des Anstiegs entfielen allein auf die Solarenergie. Die erneuerbaren Energien wuchsen um 363 TWh (+7,7 %) auf 5.072 TWh, während die Kohleerzeugung um 31 TWh auf 4.896 TWh zurückging. Infolgedessen stieg der Anteil der erneuerbaren Energien an der weltweiten Elektrizität von 32,7 % auf 34,3 %, während der Anteil der Kohle von 34,2 % auf 33,1 % sank.

Herausforderungen in der globalen Energiewende

Drei Wermutstropfen zeigt der Report auf:

– Die Wasserkraft ging deutlich zurück.

– Die Bioenergieproduktion ging leicht zurück.

– Die Kernenergie stieg leicht an.

Kurze Länderanaylse

Auf China, Indien, die EU und die USA entfielen im ersten Halbjahr 2025 rund 63 % des weltweiten Strombedarfs und zirka 64 % der CO2-Emissionen. Die Entwicklung in diesen Ländern hat daher einen großen Einfluss auf den globalen Stromsektor. Grund genug, sich diese Volkswirtschaften genauer anzusehen.

Die Daten zeigen, dass China und Indien die fossile Stromerzeugung verringern konnten, während sie in der EU und den USA anstieg. So schaut die unangenehme Realität aus!

Allerdings sind die Gründe für den Anstieg der fossilen Stromerzeugung in den Vereinigten Staaten und Europa unterschiedlich. Europa war aufgrund von Wetterkapriolen gezwungen, temporär auf fossile Quellen zurückzugreifen, um die geringere Wind-, Wasser- und Bioenergieproduktion auszugleichen.

In den USA trug die Politik des Klimwandelleugners Trump, der Klimawissenschaftler als die Feinde des amerikanischen Volkes bezeichnet, dazu bei. Doch auch Trump konnte das Wachstum der Solarenergieerzeugung in den USA im Jahr 2025 nicht aufhalten. Mit +14 % stehen die USA hinter China (+55 %) sogar an zweiter Stelle und damit noch vor Europa (+12 %). Danach folgen Indien (5,6 %), Brasilien (3,2 %) und der gesamte Rest der Welt (9 %). 

Fazit: Ein leiser Triumph der Vernunft

Nochmals: Die Solarerzeugung stieg im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 31 % und erhöhte ihren Anteil am weltweiten Strommix um etwa 2 Prozentpunkte. Das Rekordwachstum in vielen Ländern bedeutete, dass Solar- und Windenergie zusammen die wachsende Stromnachfrage deckten und übertrafen, was darauf hindeutet, dass die weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen sinkt. Trotz eines Anstiegs der weltweiten Stromnachfrage sind daher auch die Emissionen in der ersten Hälfte des Jahres 2025 leicht gesunken.

Freuen wir uns über diesen Befund. Die Daten zeigen, dass die Menschheit durchaus fähig ist, Kurskorrekturen vorzunehmen. Dies passiert nicht durch Wunder und untätiges Gottvertrauen, sondern durch Innovation und politische Weitsicht.

Quelle: „Global Electricity Mid-Year Insights 2025-Report“ – Link.2

  1. Ember ist ein Energie-Think-Tank, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Energiewende mit Daten und Politik zu beschleunigen. Ember ist der Handelsname von Ember Energy Research CIC, einer in England und Wales registrierten Community Interest Company #06714443. ↩︎
  2. Link abgerufen am 12.10.2025. ↩︎

2 Antworten zu „Servus Sonne und Wind, pfiati Kohle!”.

  1. Avatar von Jochen Lengerke
    Jochen Lengerke

    Lieber Clemens,

    Deinen Text Servus Sonne und Wind, Pfiati Kohle! habe ich mit Interesse gelesen. So rosig, wie du es beschreibst, sehe ich die Situation nicht. Du feierst die Tatsache, dass der Zuwachs von Solar- und Windenergie erstmals das Wachstum der weltweiten Stromnachfrage überstieg. als Wendepunkt

    Ich muss dir etwas Mathematik zumuten, um zu erläutern, worum es mir hier geht: „Zuwachs“ und „Wachstum“ beschreiben die prozentuale Veränderung einer Größe und quantifizieren nicht die Größe selbst.

    Lass mich das an einem fiktiven Beispiel verdeutlichen:

    Größe A sei 1.000, Größe B sei 10.

    Wenn nun A um 3 % ansteigt und B um 30 %, so mag man zunächst feststellen, dass B zehnmal so stark wie A gestiegen ist.

    Nach den Anstiegen ergeben sich jedoch: A = 1.030 und B = 13.

    Du erkennst: Trotz des zehnfachen Anstiegs von B wird die Kluft zu A um 27 größer – und nicht etwa kleiner.

    Wer mag, kann das noch mathematischer betrachten: Die Werte der Stammfunktion ergeben sich nicht aus der ersten Ableitungsfunktion. Beide Funktionen werden in der Berichterstattung häufig durcheinander gebracht – sei es irrtümlich, sei es, um „sensationelle“ Fakten zu suggerieren. Manche Journalisten trauen sich sogar an die zweite Ableitung heran – die übrigens tatsächlich mit Wendepunkten zu tun hat.

    Ich hoffe, ich habe Dich nicht über Gebühr gequält und verbleibe wie immer

    mit herzlichen Grüßen, Dein

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    1. Avatar von clemenslintschinger

      Lieber Jochen,
      wie immer freue ich mich sehr über dein konstruktives und freundliches Feedback. Es tut gut zu wissen, dass es noch Menschen gibt, mit denen ich mich ruhig und ohne Häme austauschen kann, v.a. im Streitthema Klima.
      Ich habe mir deine Kritik im Detail angeschaut und ich teile deine Ansicht, dass in einer Gesamtbetrachtung die Stromproduktion nicht rosig ist. Aber es gibt aufgrund des neuen Reports einen Hoffnungsschimmer, den ich in meinem Blogbeitrag aufzeigen wollte.
      Nun bin ich der Allerletzte, der sich auf eine mathematische Diskussion einlassen kann. Denn ich bin froh, dass ich mit meinen bescheidenen Grundrechnungsfähigkeiten irgendwie über die Runden komme. Zumeist brauche ich aber einen Taschenrechner. Mein eigenes Defizit im mathematischen Verständnis oder in der Interpretation in Zahlen überhaupt korrespondiert mit einem höheren Vertrauen in die Wissenschaft, solange ich nachvollziehen kann, dass seriös gearbeitet wurde und man die vier Hauptkriterien des wissenschaftlichen Arbeitens einhält. Dann bemühe ich mich möglichst unverzerrt, das, was ich lese, wiederzugeben.

      Im gegenständlichen Fall ist mir schon aufgefallen, dass es um Wachstumsraten geht. Darum habe ich einige womöglich irreführende Aussagen des Reports weggelassen, da ich sie – zumindest in einer deutschen Übersetzung – für irreführend halte. Aber der Report enthält positive Nachrichten mit belastbaren Zahlen, die ich verbreiten will, um Mut zu machen, den Weg zur radikalen Energiewende konsequent fortzusetzen. Und dafür gibt es zwei wesentliche Gründe:

      1. Die erste zentrale Aussage des Reports lautet, dass das Wachstum von Solar- und Windenergie gemeinsam das Wachstum (!) der weltweiten Stromnachfrage erstmals überstieg. Es wird also „nur“ über eine Wachstumsrate, eine relative Veränderung zur Ausgangsmenge, gesprochen und nicht über die gesamte Menge der Stromnachfrage. Im Absatz, der die Daten präsentiert, habe ich aber auch dargelegt, dass der Anteil der erneuerbaren Energien an der weltweiten Elektrizität im ersten Halbjahr 34,3 % betrug. Betrachtet man nur das Wachstum, dann sind die Zahlen, die das Wachstum belegen, natürlich absolut. Der absolute Zuwachs der Erneuerbaren (Sonne und Wind) überstieg den absoluten Zuwachs der globalen Stromnachfrage. Das finde ich sehr erfreulich.

      2. Die zweite zentrale Aussage des Reports ist, dass im ersten Halbjahr 2025 die erneuerbaren Energien erstmals die Kohleerzeugung im globalen Strommix überholten. Wir sprechen auch hier von absoluten Zahlen: Erneuerbare Energien (5.072 Twh) vs Kohleerzeugung (4.896 Twh). Für die Autoren und für mich ist das ein Wendepunkt. Dies ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen die Stromgewinnung aus Kohle im globalen Strommix überholt hat.

      Der Blogbeitrag feiert also keinen relativen Triumph, der durch unterschiedliche Startwerte verzerrt wäre. Es trifft nicht zu, dass Zuwachs und Wachstum nur als prozentuale Veränderung interpretiert und damit die absoluten Größen ignoriert wurden. Die positive Nachricht stützt sich auf die Zuwächse und diese auf absolute Zahlen. Der im Blogbeitrag gefeierte Wendepunkt ist deshalb historisch, weil er sich auf absolute Mengen und absolute Zuwächse in Terawattstunden (TWh) stützen kann. Doch deine Kritik ist absolut gerechtfertigt, denn wir leben ja leider immer noch im fossilen Zeitalter.

      Herzliche Grüße und weiter so anregende Diskussionen! Bitte, bleib meinem Blog treu. Deine Anregungen sind wertvoll für mich und die gesamte Leserschaft.
      Beste Grüße
      Clemens

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