Bei der Masterarbeit „Die säkulare Szene in Österreich Organisierte Nichtreligion und ihr Engagement für Laizität, Gleichbehandlung und Sichtbarkeit“ von Elisabeth Waldl, MA handelt sich um die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung der organisierten Nichtreligion und der säkularen Szene in Österreich im 21. Jahrhundert. Besonders positiv: Nichtreligiöse Akteure werden hier nicht auf Religionskritik reduziert. Stattdessen stehen ihr Selbstverständnis, ihre Arbeit und ihre Ziele im Vordergrund. DANKE!
Themen der Masterarbeit
Die Autorin widmet sich grundlegenden Fragen:
- Was ist die säkulare Szene in Österreich?
- Wer sind die Akteur*innen?
- Wie sieht die historische Entwicklung der Szene und ihrer Akteur*innen aus?
- Was ist ihr Selbstverständnis und welche Werte vertreten sie?
- Was sind ihre wesentlichen Themen, Anliegen und Ziele?
- Wie sieht die Vorstellung der angestrebten Laizität aus?
- Was sind die damit verbundenen Kritikpunkte und Forderungen?
- Welche Tätigkeiten und Aktivitäten prägen die säkulare Szene?
Zum Religionsbegriff und seiner Schwierigkeit
Die Verfasserin zeigt, wie schwierig eine Definition von Religion ist – ein Problem, das seit Generationen Religionswissenschaftler*innen begleitet und ein „fast unlösbares Problem“ darstellt.
Waldl schließt sich dem Arbeitsbegriff der deutschen Religionswissenschaftlerin Petra Klug an, die betont, dass vor allem die gesellschaftliche Außenwirkung von Religion – auf Recht, Politik und öffentliche Institutionen – oft ausgeblendet wird. Diese „religiöse Normierung“ einzubeziehen, erweitert den Blick auf das Verhältnis von Religion und Nichtreligion erheblich.
Was mich – sehr subjektiv – ein wenig wurmt: Es bleibt bei der Erörterung des Begriffs der Religion unbeleuchtet, dass sich Glaube und Aberglaube nicht voneinander abgrenzen lassen. In der Religionswissenschaft schließt der Religionsbegriff den Aberglaube, Esotherik und Ähnliches mitein. Doch sicherlich, dieses Vorwissen auszuformulieren, war nicht relevant für gegenständliche weissenschaftliche Arbeit und die Forschende hat sich zu Recht und profossionell auf ihr Kernthema fokussiert.
Säkulare Begriffsvielfalt
Waldl schreibt:
„Vergleichbar mit dem Diskurs um die Definition von Religion, sind auch die Begriffsbestimmung und Interpretation des Säkularen und der mit ihr verbundenen Termini in der Wissenschaftswelt eine höchst umstrittene und umkämpfte Angelegenheit.“
Zu diesem unsicheren Begriffsfeld, das Waldl anspricht, gehören eine Reihe von Wörtern mit einer gemeinsamen Wurzel wie etwa säkular, säkularistisch, säkularisieren, Säkularität, Säkularismus, Säkularisation und Säkularisierung. Aufgrund der Interpretationsmöglichkeiten plädieren einige Forscherinnen dafür, den Begriff des Säkularen in der wissenschaftlichen Arbeit gänzlich fallen zu lassen und andere Begriffe wie etwa Nichtreligion oder Freigeistigkeit zu verwenden.
Ich halte das offen gesagt für eine akademische Sprachblase. Umgangssprachlich hat der Begriff „säkular“ mehrere Bedeutungen. Oft wird „säkular“ im Sinne von „weltlich“ oder „profan“ verwendet. „Säkular“ kann aber auch den Begriff „säkuläristisch“ ersetzen. Im Alltag höre ich den Begriff „säkuläristisch“ nie. „Säkularismus“ hingegen steht als -ismus für eine Weltanschauung, Ideologie oder Philosophie. „Säkularisierung“ wiederum meint die zunehmende Zurückdrängung religiösen Einflusses auf gesellschaftliche Prozesse, während „Säkularität“ die institutionelle Trennung von Staat und Religion bezeichnet. In der säkularen Szene führen diese Unterscheidungen erfahrungsgemäß zu keinen Verständigungsproblemen.
Wenn es Verwechslungen in Bezug auf Begrifflichkeiten gibt, dann liegen sie meiner Erfahrung nach eher bei der Abgrenzung der Säkularität zur Laizität. Und diese Unsicherheit geht auf unser eigenes Konto – auf das der Vereinsfunktionär*innen. Denn eigentlich wollen die meisten von uns einen laizistischen Staat, d.h. ein Staat, in dem die Religion kompromisslos als reine Privatsache behandelt wird. Wir lehnen ab, was man euphemistisch als „Kooperationsmodell“ bezeichnet, aber in Wahrheit eine religiöse Unterwerfung des Staates darstellt. Wir wenden uns gegen einen staatlich gesponserten und finanzierten Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, den Kostenersatz der Lehrkörper an konfessionellen Privatschulen, kirchliche Steuerprivilegien, die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts, das Blasphemiegesetz, exklusive kirchliche Vertretungen im ORF-Publikumsrat, gesetzlichen Kirchenbeitrag u.a.. Doch da der Begriff Laizität in der Öffentlichkeit so negativ konnotiert ist, wollen ihn viele meiden – selbst wenn genau das gemeint ist.
Was ist nun die „säkulare Szene“ laut dieser Forschungsarbeit? Hier die Arbeitsdefinition der Verfasserin für ihre Forschungsarbeit:
„Die säkulare Szene ist ein Feld diverser nichtreligiöser Akteur*innen, die sich für Laizität im Sinne einer strikten Trennung von Staat und Religion einsetzen und für welche darüber hinaus Positionen des Säkularismus, des Humanismus und der Religionskritik sowie ein an Wissenschaft orientiertes Menschen- und Weltbild prägende Bezugspunkte und Identifikationsfaktoren sind.“
Standortbestimmung
Ein lohnendes Kapitel ist der historische, aber nicht überfrachtete Überblick der Religionspolitik und Religionsgeschichte in Österreich.
Kurz und bündig ist auch das historische Kapitel über die wechselhafte Geschichte der Freidenkerbewegung in Österreich von den Anfängen bis jetzt.
Seit der Jahrtausendwende hat sich das Feld von einer Freidenkerbewegung hin zu einer vielfältigen säkulare Szene entwickelt. Diese Szene war lange Zeit geprägt von Neugründungen, Abspaltungen, Neuorientierungen, Umbenennungen, Zusammenschlüssen und Auflösungen. Seit einiger Zeit ist jedoch Ruhe eingekehrt. Die Mehrfachmitgliedschaft ist kein ungewöhnliches Phänomen mehr.
Der juristische Abschnitt betreffend die verschiedene Rechtsformen für Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ist sehr erhellend. Der Gesetzgeber will kleineren Gemeinschaften den Zugang zu Privilegien verwehren. Andererseits werden mit Sondergesetzen religiöse Gemeinschaften anerkannt, welche die allgemeinen Voraussetzungen nicht erfüllen. Hier zeigt sich deutlich die diskriminierende Willkür der österreichischen Politik. Der Abschnitt beleuchtet schließlich auch die strukturelle Benachteiligung der nicht-religiösen Weltanschauungsgemeinschaften. Das alles ist uns wohl bekannt, nun wird es aber in einer wissenschaftlichen Arbeit festgehalten.
Säkulare Akteure
Bei den vorgestellten Akteuren konstatiert Waldl, dass sie miteinander vernetzt sind, aber durchaus unterschiedliche Positionen einnehmen. Die verbindende Konstante dieser Akteur*innen ist ihr Einsatz für Laizität.
Erstaunt habe ich von religionsparodierenden Organisationen gelesen, die mir persönlich bis dato unbekannt waren, wie etwa die „Calgoniten“ und ihrer „Kirche des Heiligen Geschirrspülers„. Doch alle Gruppierungen, die zwar säkular Bezüge aufweisen, aber letztlich als Religionsgemeinschaft anerkannt werden möchte, sind nicht Gegenstand der „säkularen Szene“, wie sie von der Verfasserin definiert wird.
Diese Abgrenzung der „säkularen Szene“ ist nicht zu beanstanden. Sie entspricht der realen Vernetzung unter den Gruppierungen. Persönlich bedaure ich aber diesen Zustand der bloß rudimentären Verbindungen. Pastafari, Atheistische Religionsgesellschaft und was es sonst noch gibt, mögen sich als „konfessionell“ einstufen, aber letztendlich haben auch diese Gruppen das Ziel, bestehende Kirchenprivilegien und diverse Diskriminierungen von Menschen zu beenden. Der Ausdruck „Religionsparodie“, den die Verfasserin für diese Organisationen verwendet, gefällt mir sehr gut. Es ist schade, dass hier nicht noch mehr Zusammenarbeit mit den laizistischen Vereinen stattfindet.
Atheismus lässt sich nicht für die gesamte säkulare Szene gleichermaßen anwenden, sondern nur für einen Teilbereich des Feldes der säkularen Szene. Eine Vielzahl der individuellen Akteur*innen wendet Atheismus als Identitätsmerkmal für sich selbst an, manche kollektiven Akteur*innen tragen den Begriff sogar im Namen. Andere wiederum lehnen die Identifizierung mit Atheismus dezidiert ab.
Waldl hat 13 säkulare Akteure identifiziert, die sie im Detail vorstellt:
• agathe – Arbeitsgemeinschaft AtheistInnen und AgnostikerInnen für ein säkulares Österreich (agathe) • Allianz für Humanismus und Atheismus (AHA) • Atheisten Österreich (AVÖ) • evo – Verein für Rationalität und Menschlichkeit (evo) • (Der neue) Freidenkerbund Österreichs (FDBÖ) • Giordano Bruno Regionalgruppe Österreich (GBRÖ) • Humanistischer Verband Österreich (HVÖ) • Initiative Ex-Muslime (ExM) • Initiative gegen Kirchenprivilegien (IgKP) • Initiative Religion ist Privatsache (RIP) • Laïcité – Institut für Laizität (Laïcité) • Säkulare Tirol • Zentralrat der Konfessionsfreien in Österreich (ZrK)
Bei zwei Akteuren bin ich selbst im Vorstand, weshalb ich als ein Interviewpartner nahelag. Allerdings leidet die Transkription meines Interviews unter der Geräuschkulisse im Café. Mein eigenes Interview ist daher nur schwer lesbar, aber für die Interviews meiner Kolleg*innen spreche ich hingegen guten Gewissens eine Leseempfehlung aus.
Selbstverständnis und zentrale Werte
Hier will ich auf den Befund der Verfasserin der Masterarbeit verweisen:
„Doch was sind Gemeinsamkeiten der säkularen Szene und was bringt die Akteur*innen zusammen? Klar ist, dass die Akteur*innen – individuell wie auch kollektiv – ein gewisses Gemeinschaftsgefühl besitzen. In der Selbstwahrnehmung der eigenen Community sind die Eigenbezeichnungen säkular, konfessionsfrei, humanistisch und atheistisch hoch im Kurs. Die Gemeinsamkeiten der säkularen Szene werden insbesondere beschrieben mit einem nichtreligiösen, wissenschaftlichen Weltbild, einer Orientierung an humanistischen Werten, freiem und kritischem Denken und dem Einsatz für Laizität. Als weitere vereinende Faktoren werden genannt: Religionskritik, Kampf gegen Diskriminierung und für Selbstbestimmung, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und ganz grundsätzlich der Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen. Atheismus spielt zwar eine wichtige Rolle, hat aber keine tragende Bedeutung, da er nicht von allen Akteur*innen für sich selbst benutzt wird und somit exkludierend wirken kann. […] Der HVÖ fasst in Bezug auf seine gelebte Ethik zusammen: „Kern des Humanismus ist die Selbstbestimmung des Menschen, im Gegensatz zur Bestimmung durch höhere Mächte.“
Fazit
Elisabeth Waldl, MA hat eine solide, präzise und sachlich-verständliche Arbeit vorgelegt – ganz ohne ideologisches Blendwerk. Wer verstehen will, wie sich die säkulare Szene in Österreich entwickelt hat, bekommt hier Einblick, Überblick und Durchblick zugleich.
Quelle
Die Arbeit ist gedruckt in der Fachbereichsbibliothek Theologie der Universität Wien verfügbar oder kann online hier kostenfrei gelesen werden: https://utheses.univie.ac.at/detail/77921/
Glückwunsch
Herzliche Gratulation an Elisabeth Waldl, MA die ihr Masterstudium Master of Arts an der Universität Wien mit Auszeichnung abgeschlossen hat.

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