Heute habe ich einen Leckerbissen vorbereitet: Angeregt durch einen Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler im (für Gäste öffentlich zugänglichen) Klub logischer Denker widme ich mich im Folgenden einer überraschenden, kaum bekannten Facette des Wiener Kreises – den philosophischen Liedern von Felix Kaufmann (1895–1949). Einige dieser klug-ironischen und unterhaltsamen Texte werden hier vorgestellt und mit Links zu Vertonungen ergänzt.

Vorweg liefert dieser Beitrag zugleich rudimentäre Einblicke in das Wirken des Wiener Kreises. Er erinnert an den verbitterten Hass des katholischen Klerus auf diese Philosophengruppe zu jener Zeit, zeigt die beschämende Untätigkeit der Universität Wien und der Republik Österreich nach dem Ende der NS-Herrschaft auf und spart auch eine leise Kritik an heutigen Institutionen der Wiener-Kreis-Pflege nicht aus.

Wer sich jedoch ausschließlich für die Tonaufnahmen interessiert, kann direkt zur Überschrift „7. Zu den Liedtexten und Vertonungen“ scrollen.

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Was war der „Wiener Kreis“?
  2. Wie kam der Wiener Kreis zu seinem Namen?
  3. Wie die Katholiken über die Ermordung von Moritz Schlick dachten
  4. Zur schändlichen Ignoranz der Universität Wien und der Republik Österreich nach 1945
  5. Leise Kritik an die heutigen Bewahrer des Erbes des Wiener Kreises
  6. Über Felix Kaufmann und seine philosophischen Lieder
  7. Zu den Liedtexten und Vertonungen
    1. Beispiel: Streit um die Priorität
    2. Beispiel: Der Mathematiker und der Philosoph
    3. Beispiel: Antimetaphysisches Trutzlied
    4. Beispiel: Die Reine Rechtslehre
    5. Beispiel: Der Nationalökonom im Paradies
    6. Beispiel: Traurige Prognose
  8. Lese-Tipps

Was war der „Wiener Kreis“?

Der Wiener Kreis war eine lose Gemeinschaft von Natur- und Sozialwissenschaftlern, Mathematikern und Philosophen, die sich in Wien etwa zwischen 1924 und 1936 regelmäßig trafen, um Fragen wissenschaftlicher Methodik, Logik und Sprache zu diskutieren. Dieser Kreis hatte keine feste Organisation. Er bestand aus Menschen gleicher wissenschaftlicher Grundeinstellung und jeder Einzelne bemühte sich, das Verbindende in den Vordergrund zu stellen. Zentrale Ziele dieser philosophischen Gesinnungs- und Wissenschaftsgemeinschaft waren die Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse, die Begründung einer Einheitswissenschaft sowie die Propagierung einer wissenschaftlichen Weltauffassung.

Aussagen über Metaphysik und Religion galten als sinnleer und wurden konsequent zurückgewiesen. In Fragen der Ethik versuchte der Wiener Kreis, moralisches Denken von religiösen und metaphysischen Letztbegründungen zu befreien. Moral wurde als praktische Orientierung verstanden, nicht als Erkenntnis über eine moralische Wirklichkeit. Der Kreis zielte – ohne metaphysisches Fundament – auf rationale Verständigung und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ab. Gerade wegen dieser religionskritischen Haltung wird der Wiener Kreis von Humanist*innen bis heute hoch geschätzt.

Initiiert und maßgeblich geprägt wurde der Kreis vom Physiker und Philosophen Moritz Schlick (1882–1936). Nachdem er 1922 einem Ruf von Kiel nach Wien gefolgt war, übernahm er als ein Nachfolger Ernst Machs den Lehrstuhl für Naturphilosophie an der Universität Wien. Schlick war eine der zentralen Figuren des logischen Empirismus (auch: logischer Positivismus oder Neopositivismus), einer streng wissenschaftsorientierten philosophischen Strömung, die sich insbesondere mit logischen und sprachphilosophischen Problemen befasste.

Schlick sammelte um sich einen Kreis von Gleichgesinnten, die an einer „wissenschaftlichen Weltauffassung“ arbeiten wollten. Zum engeren Kern der Gruppe zählten rund zwanzig Mitglieder, darunter der Philosoph Rudolf Carnap (1891–1970) und der Erfinder der Bildstatistik Otto Neurath (1882–1945). Auch der Mathematiker Kurt Gödel (1906–1978) war dem Kreis eng verbunden und nahm regelmäßig an den Diskussionen teil.

Man darf sich aber keine Lehrveranstaltung vorstellen, sondern der Wiener Kreis war ein außeruniversitärer Diskussionszirkel. Man traf sich vornehmlich in Privatwohnungen und in Kaffeehäusern. Die instruktive Online-Ausstellung der Wien Bibliothek im Rathaus (Quelle: https://online-ausstellungen.wienbibliothek.at/wiener-kreis/de/biografien/) dokumentiert diese über ganz Wien verteilten Treffpunkte anschaulich. Bemerkenswert ist, dass Kurt Gödel vermutlich am 26. August 1930 im Café Reichsrat am Rathausplatz erstmals seinen Unvollständigkeitssatz unter Freunden vorstellte – eine der folgenreichsten logisch-mathematischen Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts.

Wie kam der Wiener Kreis zu seinem Namen?

Da Moritz Schlick Deutscher war und sich der Kreis aus Mitgliedern der verschiedensten Nationalitäten speiste, stellt sich die Frage, wie kam es zur Namensgebung. Hier kommen die Kreativität, das kommunikative Geschick und das Marketing-Gespür von Otto Neurath ins Spiel:

Der „Verein Ernst Mach“, dessen Vorsitzender Schlick war und der später im Zuge der austrofaschistischen Repression verboten wurde, veröffentlichte im August 1929 die Programmschrift „Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis“. Zur wissenschaftlichen Weltauffassung ein erhellendes Zitat aus dem Manifest:

„Die wissenschaftliche Weltauffassung kennt keine unlösbaren Rätsel. Die Klärung der traditionellen philosophischen Probleme führt dazu, dass sie teils als Scheinprobleme entlarvt, teils in empirische Probleme umgewandelt und damit dem Urteil der Erfahrungswissenschaft unterstellt werden. In dieser Klärung von Problemen und Aussagen besteht die Aufgabe der philosophischen Arbeit, nicht aber in der Aufstellung eigener `philosophischer Aussagen´. Die Methode dieser Klärung ist die der logischen Analyse.“

Das Manifest war Moritz Schlick gewidmet und wurde von Rudolf Carnap, Otto Neurath und Hans Hahn gezeichnet. Ziel war es nicht zuletzt, Schlick dauerhaft in Wien zu halten – mit Erfolg, wie sich zeigen sollte.

In der Begleitbroschüre zur Ausstellung heißt es dazu:

Die Bezeichnung ‚Wiener Kreis‘ geht auf einen Vorschlag von Otto Neurath zurück, der eine angenehme Assoziation mit ‚Wiener Wald‘ und ‚Wiener Walzer‘ erzeugen wollte.“

(Quelle: wiener hefte – 3: „Wien und die Wissenschaftliche Weltauffassung Orte des Wiener Kreises“. Wienbibliothek im Rathaus (Hrsg))

Als in Wien Geborener und Aufgewachsener erscheint mir dieser Hintergrund zur Namensgebung des Wiener Kreises ausgesprochen wienerisch: ein bisserl Schleimerei, eine Portion Selbstverliebtheit – und ein Programm, das durchaus ein klein wenig großspurig daherkam.

Wie die Katholiken über die Ermordung von Moritz Schlick dachten

Im zunehmend antisemitischen, reaktionären und aggressiv klerikalen Klima der 1930er-Jahre wurde die Stimmung auch gegen den Wiener Kreis immer feindseliger. Am 22. Juni 1936 wurde Moritz Schlick auf dem Weg zu einer Vorlesung auf der Philosophenstiege im Hauptgebäude der Universität Wien erschossen. Der Täter war ein ehemaliger Student Schlicks, der fünf Jahre zuvor bei ihm promoviert hatte.

Im Gerichtsverfahren betrieb der Täter eine klassische Täter-Opfer-Umkehr: Er behauptete, Schlicks antimetaphysische Philosophie habe seine moralische Orientierung zerstört und ihn seines weltanschaulichen Halts beraubt. Diese Argumentation fand erschreckend breite Resonanz in der Bevölkerung.

Auch die katholische Wochenschrift Schönere Zukunft machte das Mordopfer selbst für seine Ermordung verantwortlich, da Schlick mit der Trennung von Wissenschaft, Metaphysik und Glauben christlich-deutsche Werte verletzt haben soll. (Quelle: Universität Wien – 650 plus History of the University of Vienna – abgerufen am 3.2.2026).

Das Schwurgericht verurteilte den Täter zu lediglich zehn Jahren Haft. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde er – obwohl das Mordopfer kein Jude war – von den Nationalsozialisten bereits nach zwei Jahren vorzeitig entlassen.

Zur schändlichen Ignoranz der Universität Wien und der Republik Österreich nach 1945

Nach der Ermordung Schlicks zerfiel der Wiener Kreis. Durch die Emigration nahezu aller Mitglieder wurde der logische Empirismus zwar in den angelsächsischen Raum getragen, eine institutionelle Fortsetzung des Kreises im Ausland fand jedoch nicht statt:

Bereits zu Beginn der 1930er-Jahre verließen die ersten Mitglieder des Wiener Kreises Österreich. Wesentliche Gründe waren der starke Antisemitismus und die weitgehende Ablehnung antimetaphysischer und wissenschaftlicher Philosophie an der Universität. […] Auch wenn nicht wenige im Exil weiter wesentliche Beiträge zur Wissenschaft leisteten – eine Fortsetzung des Wiener Kreises gab es nicht. Es fehlte Wien mit seiner intellektuellen Kaffeehauskultur, es fehlten die Wohnungen und Salons […]. Nach 1945 gelang mit Verzögerung nur ein zarter Neubeginn – ohne Rückkehr der Vertriebenen.

(Quelle: Online-Ausstellung der Wien Bibliothek (https://online-ausstellungen.wienbibliothek.at/wiener-kreis/de/biografien/ – abgerufen 3.2.2025)

Was im Begleittext zur Ausstellung unerwähnt bleibt: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Republik Österreich und die Universität Wien nichts unternommen, die Protagonisten des Wiener Kreises, soweit sie noch lebten, zur Rückkehr nach Wien zu bewegen. Offenbar war man zu sehr damit beschäftigt, die alten Nazis (Bsp: Fritz Schachermeyr, Othmar Kühn, Taras von Borodajkewycz) in den Universitätbetrieb zu integrieren und vermutlich hatten die belasteten Personen kein gesteigertes Bedürfnis, die vertriebene Konkurrenz aus dem Ausland heimzuholen.

Wer anderer Meinung ist, kann mir seine Argumente gerne in einem Kommentar mitteilen. Dass aber eine engagierte Rehabilitierung der belasteten Professorenschaft der Universität Wien nach 1945 durchgeführt wurde und kein einziger namhafter Vertreter der Kerngruppe des Wiener Kreises nach Wien zurückkehrte, sind unbestreitbare Fakten. Die Gründe dafür mögen diskutiert werden; das Ergebnis spricht für sich.

Leise Kritik an die heutigen Bewahrer des Erbes des Wiener Kreises

Heute hat sich die Haltung der Universität Wien gegenüber dem Wiener Kreis grundlegend geändert. 2011 wurde das Institut Wiener Kreis eingerichtet, das eng mit dem 1991 gegründeten Verein Wiener Kreis Gesellschaft zusammenarbeitet. Diese Einrichtungen leisten zweifellos wichtige wissenschaftliche Arbeit. Was mich als Angehörigen der allgemeinen Öffentlichkeit dennoch schwer irritiert, ist der Bruch mit einem zentralen Anliegen des Wiener Kreises: der Demokratisierung des Wissens. Die Vereinsseite fungiert faktisch als Verkaufsplattform für einen namhaften Verlag; frei zugängliche wissenschaftliche Inhalte sind auch auf der der Institutsseite der Universität rar. Selbst VALEP, das allgemeine digitale Archiv für Primärquellen der Universität Wien, ist der akademischen Welt und Institutionen vorbehalten. Dabei engagierten sich führende Köpfe des Wiener Kreises aktiv an den Wiener Volkshochschulen, um die wissenschaftliche Weltauffassung bewusst außerhalb des Elfenbeinturms zu verbreiten. Wissen sollte ein Werkzeug der Aufklärung für alle sein. Dass die heutigen Forschungsergebnisse hinter den Paywalls globaler Wissenschaftsverlage und hinter den Mauern des akademischen Betriebes verriegelt sind, ist ein kleiner Verrat an dieser emanzipatorischen Bildungsarbeit der Gründerväter des Wiener Kreises.

Über Felix Kaufmann und seine philosophischen Lieder

Felix Kaufmann, geboren am 4. 7. 1895 in Wien und verstorben am 23. 12. 1949 in New York, zählt nicht zu den bekannten Vertretern des Wiener Kreises und bedarf daher einer kurzen Vorstellung. Er studierte Jus und Philosophie in Wien, promovierte 1919 zum Dr. iur. und 1926 zum Dr. phil. und gehörte zur rechtsphilosophischen Schule Hans Kelsen (1881–1973), des „Architekten“ der österreichischen Bundesverfassung (B-VG 1920). Von 1922 bis 1938 war Kaufmann Privatdozent an der Universität Wien und engagiertes Mitglied des Wiener Kreises.

Wie fast alle Mitglieder des Wiener Kreises musste aber auch er einem Brotberuf nachgehen, der ihn ernährte. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Kaufmann als Leiter der österreichischen Niederlassung eines internationalen Ölkonzerns.  Nach dem „Anschluss“ Österreichs emigrierte er via Paris und London in die USA. In New York lehrte er an der New School for Social Research.

In seinem nicht allzulangen Leben befasste sich Kaufmann in seinen wissenschaftlichen Arbeiten unter anderem mit Logik und Rechtswissenschaft, der Unendlichkeit in der Mathematik und der Methodologie der Sozialwissenschaften. Kaufmann interessierte sich sehr für die Phänomenologie von Edmund Husserl (1859–1938). Hier wird er wegen seines Hobbys zu seiner Zeit im Wiener Kreis auf die Bühne gestellt, dem Verfassen ironischer philosophischer Texte zu bekannten Melodien.

Zu den Liedtexten und Vertonungen

Die Liedtexte von Felix Kaufmann können in folgende Kategorien eingeteilt werden:

1. „Lieder aus dem Mises-Kreis“: Es sind dies Liedtexte, die Felix Kaufmann für den Kreis um den Ökonomen Ludwig von Mises (18811973) verfasste. Dieser Wirtschaftswissenschaftler lud alle 14 Tage zu einem Privatseminar in die Wiener Handelskammer ein, anschließend ging man essen, um dann im Künstler-Cafe gegenüber der Universität die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes „ausklingen“ zu lassen.

2. „Liederbuch eines Phänomenologen“ und

3. „Sonstige Lieder“.

Einige dieser Lieder können im Web aufgerufen und angehört werden:

Option 1: scholarium, ein unabhängiges Forschungsinstitut, stellt 27 Lieder zum Anhören zur Verfügung:

  1. Geschliffener Geist im Mises-Kreis
  2. Untergang der Konjunktur durch Erforschung
  3. Verstehen des Verstehens in Zürich
  4. Der letzte Grenadier der Grenznutzenschule
  5. Die Mises-Mayer-Diskussion
  6. Das Mises-Kreis-Lied
  7. Der Forscher und der Methodologe
  8. Der Nationalökonom im Paradies
  9. Abschied von Mr Stonier und Mr Sweezy
  10. Abschied von Professor Mises
  11. Klagelied des Mises-Kreises
  12. In des Breisgaus holden Auen
  13. Traurige Prognose
  14. Wesensschau
  15. Lichtvolle Erkenntnis
  16. Die Wahrheit der transzendentalen Methode
  17. Drei lustige Gesellen und die Wahrheit
  18. Sinnestäuschung
  19. Das Phänomenolog hats gut
  20. Die phänomenologische Reduktion
  21. Méditations Cartésiennes
  22. Streit um die Priorität
  23. Die reine Rechtslehre
  24. Wissenschaftliche Politikberatung
  25. Der Mathematiker und der Philosoph
  26. Antimetaphysisches Trutzlied
  27. Den Methodologen ins Stammbuch

Hier ist der Link zu allen 27 Vertonungen mit Anna-Maria Birnbauer (ohne Text): https://scholarium.at/miseskreis82236442/

Option 2: Der YouTube-Kanal „Wienbibliothek im Rathaus“ enthält ein Video zur Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Wien und die Wissenschaftliche Weltauffassung — Orte des Wiener Kreises“. Im Rahmen dieser Veranstaltung werden auch philosophische Lieder vom bekannten Liedgut-Interpreten-Ehepaar, Helmut und Maria Stippich, vorgetragen.

Hier ist der Link zu diesem Video: https://www.youtube.com/watch?v=D4aRTEXArz8&t=1492s

Beispiel: Streit um die Priorität

Original-Melodie: Das Kinderlied „Der Kuckuck und der Esel

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Das Ganze und die Teile
Die hatten großen Streit,
Wer wohl das Frühre wäre
In Logik, nicht in Zeit?

Voll Pathos rief das Ganze:
„Pfui, dass Ihr noch nicht wisst,
Dass jeder von euch Teilen
Kraft meiner Ganzheit ist.“

Es sprachen keck die Teile:
„Wir setzen dich zusamm
Und nirgends gibt es Ganze,
Die keine Teile hamm.“

Ein Logiker der hört es
Und sprach: „Der Streit ist schief,
Denn keines ist das Frühre,
Ihr seid korrelativ.

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/22+Streit+um+die+Priorit%C3%A4t.mp3

Beispiel: Der Mathematiker und der Philosoph

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Ach, wie müssen wir uns schinden
In der Einzelwissenschaft,
Um den kleinsten Satz zu finden,
Braucht man seine ganze Kraft.
Doch der Philosophen Sippe
Sitzt an der Ideen Krippe,
Da wird lustig spekuliert
Und ein Buch ist vollgeschmiert.

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/25+Der+Mathematiker+und+der+Philosoph.mp3

Beispiel: Antimetaphysisches Trutzlied

Original-Melodie: Meines Erachtens ist das Original, was hier Felix Kaufmann als Vorbild diente, das „Heckerlied“. Das Heckerlied war ein Revolutionslied der Badischen Revolution. Der Verfasser Friedrich Karl Franz Hecker musste nach der Niederlage seines Aufstands in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo er im amerikanischen Bürgerkrieg für die Nordstaaten kämpfte. In der Nazi-Zeit wurde das Heckerlied zu einem antisemitischen, verachtungswürdigen Hetzlied umgedichtet.

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Weil Ihr Philosophen, weil Ihr Philosophen
Immer noch nicht wisset, wo die Glocke hängt,
Sing ich Euch jetzt Strophen, sing ich Euch jetzt Strophen,
Die Ihr wohl versteht, wenn Ihr auch sehr beschränkt.

Dritthalbtausend Jahre, dritthalbtausend Jahre
Treibt man volksverdummende Metaphysik,
Doch jetzt kommt die wahre, doch jetzt kommt die wahre,
Wahre Theorie, die bricht ihr das Genick.

Tinte traufe, Tinte traufe,
Tinte traufe knüppelhageldick,
Dass darin ersaufe, dass darin ersaufe,
Dass darin ersaufe die Metaphysik.

Spitzet Eure Kiele, spitzet Eure Kiele,
Spitzet Eure Kiele so wie Dolche scharf,
Dann zeig ich Euch viele, dann zeig ich Euch viele,
Viele Theoreme, die man spießen darf.

Gebt mir eure roten, gebt mir eure roten,
Gebt mit eure roten Lederbände her!
Darein soll man binden, darein soll man binden,
Darein soll man binden Mathematiker.

Hört Ihr Volksverdummer, hört Ihr Volksverdummer,
Hundertausend Stimmen singen unser Lied.
Aus dogmatschem Schlummer, aus dogmatschem Schlummer,
Aus dogmatschem Schlummer es die Menschheit zieht.

Dritthalbtausend Jahre, dritthalbtausend Jahre
Treibt man volksverdummende Metaphysik,
Doch jetzt kommt die wahre, doch jetzt kommt die wahre,
Wahre Theorie, die bricht ihr das Genick.

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/26+Antimetaphysisches+Trutzlied.mp3

Beispiel: Die Reine Rechtslehre

Original-Melodie: „Brüderlein fein“ aus dem gleichnamigen Alt-Wiener Singspiel

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Sollen folgt nicht aus dem Sein.
Niemals Freundchen wird ein Wert
Bloß durch Existenz erklärt.

Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Sieh das endlich ein!
Brüderlein fein, glaub mir, es wird
Viel zu viel hypostasiert.

Anfangs scheint dies sehr bequem,
Doch bald stört es das System.
Brüderlein fein, glaub mir es wird
Zuviel hypostasiert.

Brüderlein fein, merk es Dir gut,
Werte sind nicht absolut.
Darum nimmt die höchsten man
Stets bloß hypothetisch an
Brüderlein fein, merke es Dir gut,
Sind nicht absolut.

Brüderlein fein, welchen Sinn hat
Für Juristen stets der Staat?
Er ist nichts als pures Recht.
Wers nicht glaubt, begreift es schlecht,
Brüderlein fein, Brüderlein fein,
Sieh das endlich ein!

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/23+Die+reine+Rechtslehre.mp3

Beispiel: Der Nationalökonom im Paradies

Original-Melodie: Ich vermute „Als Gott, der Herr, die Erde hat erschaffen

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Als unser Herr die weite Welt geschaffen,
Die Krokodile, Papageien und die Affen,
Da hat er in die Welt zu guter letzt
Den Wirtschaftswissenschaftler hingesetzt.

Nun dass der brave Mann im Paradiese
Mit einem ganz verzweifelten Geiriese,
Weh mir, dass ich kein Material mehr hab‘,
Es gibt kein Wirtschaften, denn nichts ist knapp.


Mit Gütern wollt‘ ich planvoll disponieren
Und dann mein Handeln streng anarisieren
Und schliesslich stolz sein, wenn ich sagen kann:
So handle ich und das ist jedermann.


Doch muss ich fruchtlos mein Gehirn zerplagen,
Denn gar nichts gibt es hier sich zu versagen,
Jeder Genuss ist allsogleich parat,
Selbst mit der Zeit man nicht zu sparen hat.

Da sprach der Herr: Du sollst nicht klagen derfen,
Du kannst dir eine Theorie entwerfen,
Das macht den Menschengeist ja so erlaucht,
Dass er zum Denken nichts zu wissen braucht.

Zwar kannst du niemals einen Satz erproben,
Doch eben drum sollst du mich stündlich loben,
So bleibt die Lehre aufrecht unentwegt,
Wo nichts erprobt wird, wird nicht widerlegt.

Froh rief der Forscher: „Was war für ein Tor i,
Von nun an denk‘ ich nur mehr a priori,
Die Empirie, die bleibt mir völlig gleich,
Hier gibt’s ja keinen Anwendungsbereich.“


Doch seit wir nicht im Paradies mehr wohnen,
Ist scharf.zu scheiden zwischen Konventionen
Und Sätzen, deren Sinn darin besteht
Zu sagen, was in Wirklichkeit vorgeht.

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/08+Der+National%C3%B6konom+im+Paradies.mp3

Beispiel: Traurige Prognose

Original-Melodie: Das Wiener Lied „Es wird ein Wein sein

Der Liedtext von Felix Kaufmann:

Es wird ein Wein sein
Und wir wern nimmer sein,
Die Welt besteht ja objektiv.
S wird schöne Madln geben
Und wir wern nimmer lebn,
Das folgt daraus rein diskursiv.

Vertonung: https://scholariumat-media.s3.eu-central-1.amazonaws.com/Miseskreis/13+Traurige+Prognose.mp3

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Lese-Tipps

Weiterführende Links:

Bücher zu den Liedtexten von Felix Kaufmann:

  • Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie. Felix Kaufmann. Herausgegeben von Gottfried von Haberler und Ernst Helmstädter. ISBN: 9783828253544
  • Felix Kaufmann’s Songs Of The Mises-Kreis: Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie.  Rahim Taghizadegan (Autor), Huw Rhys James (Autor). Sprache: Englisch. Herausgegeben von mises.at. ISBN-10: ‎ 3902639555, ISBN-13: ‎ 978-3902639554

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