„Überdies: tot zu sein, ist bloß Konjugation
„Der Tod lässt sich nicht erzählen“, heißt es bei Elias Canetti. Richtig, es können dem Tod weder gute noch schlechte Qualitäten angedichtet werden. Wobei auch diese Behauptung fehlerhaft ist, denn den Tod gibt es in Wahrheit nicht. Der Tod ist ein Synonym für das Lebensende, aber tot sein, ist eine Unmöglichkeit, eine weitere linguistische Verwirrung.
Was an uns könnte nach dem Lebensende noch tot „sein“? Der verweste Leib ist es nicht, er ist nicht tot, er existiert nicht mehr, denn seine Atome sind in anderen Molekülverbindungen übergegangen. Das Bewusstsein ist es auch nicht, denn die Bewusstseinstätigkeit ist mit dem Tode zu Ende gegangen, aber ein beendeter Prozess ist nicht tot, sondern aus.
Der Tod beendet das Leben und damit das „Sein“. Kein Lebewesen kann daher tot sein, nur nicht mehr leben. Nicht zu leben, ist nicht ident mit tot sein, denn vor seiner Geburt lebte der Mensch nicht und tot war er auch nicht.
Die Unzulänglichkeit der Sprache zwingt uns, vom „tot sein“ zu sprechen, wenn jemand verstorben ist. Wehe dem, der die Grammatik kennt [359], mahnt der deutsche Philosoph Franz Joseph Wetz (*1958). Und ich möchte die Frage stellen: Sitzt im Rat für deutsche Rechtschreibung kein Philosoph? Wie kann man eine 1. Person Singular Indikativ Futur II von „sein“ festlegen? Wie habe ich mir das vorzustellen, „ich werde gewesen sein“?
Auch ein Toter ist keine Person, die tot „ist“. Ein Toter ist eine Leiche und eine Leiche ist ein Objekt, also ein Ding. Nochmals der Philosoph Wetz: „Der Leichnam bezeugt nicht die Anwesenheit eines Verstorbenen, sondern ist vielmehr ein stummer Zeuge seiner Abwesenheit.“
Jede Tätigkeitsform, auch als Hilfszeitwort, ist in Bezug auf Personen, die verstorben sind, fehl am Platze. Aller Konjugationsregeln zu trotz, wird nach dem Lebensende keine Handlung ausgeführt. Da der Tod als Zustand nicht existiert, kann er nicht erlebt oder gefühlt werden. Darum schreibt Ludwig Wittgenstein in Absatz 6.4311 seines Tractatus [248]: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht“.
Sich vor einem Zustand zu fürchten, der nicht existieren kann und den wir niemals erleben werden, ist unvernünftig, also lassen wir es lieber sein.“