Leserbrief an DIE PRESSE vom 09.04.2024

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Betreff: „Vatikan geißelt Gender-Theorie: „Verstoß gegen Menschenwürde“, DIE PRESSE, Artikel Almut Siefert vom 9.4.2024

Leserbrief:

„In welcher Zeit leben wir? Während ausgerechnet Saudi-Arabien, ein Land, das Frauen aufgrund ihres Engagements für ihre Rechte inhaftiert, den Vorsitz über das wichtigste UN-Forum für Frauenrechte und Geschlechtergleichstellung übernimmt, meint das Auslaufmodell katholische Kirche die Themenführerschaft für Geschlechtsumwandlungen übernehmen zu müssen. Sie proklamiert sich selbst als den „Garanten der Menschenwürde“, um dieselbe im selben Atemzug Gender-Diversity-People abzusprechen. Geschlechtsverändernde Eingriffe würden die Gefahr, „die einzigartige Würde zu bedrohen, die ein Mensch vom Moment der Empfängnis an besitzen“, heißt es in der Erklärung des Vatikans. Doch was bedeutet diese Behauptung zu Ende gedacht für jene, die eine Geschlechtsumwandlung durchlaufen haben? Besitzen diese Leute keine Menschenwürde mehr, sind Diversity-People nach Ansicht der Kirche würdelos?

Der Vatikan bleibt mit seiner jüngsten Erklärung sogar hinter dem islamistischen Gottesstaat Iran zurück. Im Mullah-Regime können Transsexuelle eine Genehmigung für Geschlechtsumwandlungen beantragen. Bereits im Jahr 1986 erließ Ayatollah Khomeini eine Fatwa, die zur Toleranz gegenüber Transmenschen aufrief und den Weg für staatliche Unterstützung ebnete – wenn auch mit dem Ziel, Homosexualität auszulöschen, was bekanntlich auch ein zentrales Anliegen der katholischen Kirche ist.

In unserer Gesellschaft richtet sich viel Hass gegen Menschen, die eine andere geschlechtliche Identität anstreben oder über eine gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung verfügen. Man hofft, die Kirche möchte ihre Anhänger zu mehr Verständnis und Toleranz aufrufen. Das Gegenteil ist der Fall. Mit ihrer Erklärung will die Kirche die Hater und Erzkonservativen ansprechen. Der klägliche Restbestand an Mitglieder*innen soll motiviert werden, der frauen- und diversity-feindlichen Kirche nicht den Rücken zu kehren.

Aber allen Humanist*innen, die Empathie im Herzen verspüren und denen ohne religiöse Ideologe wahrhaftig (!!!) das Wohl und die Würde ALLER Menschen am Herzen liegt, sei (aus Platzgründen nur) vier ausgewählte Fakten zur Kenntnis gebracht:

  1. Geschlechtsdysphorie ist einer von der WHO anerkannte Erkrankung. Die Verweigerung geschlechtsangleichender Operationen führt zu Depressionen, Angstzuständen und sogar zu Suizid.
  2. Die Vereinten Nationen unterstützen das Recht von Transgender-Personen auf Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung, einschließlich Operationen. Die Verweigerung solcher Versorgung stellt eine Verletzung der Menschenrechte dar.
  3. Individuen haben das Recht, ihre eigene Geschlechtsidentität zu definieren, und medizinische Interventionen können helfen, ihr äußeres Erscheinungsbild mit ihrem inneren Selbst in Einklang zu bringen.
  4. Der Zugang zu geschlechtsangleichenden Operationen erleichtert die soziale Integration und reduziert damit die Stigmatisierung für Transgender-Personen. Durch die Möglichkeit, sich physisch so zu präsentieren, wie es ihrer Geschlechtsidentität entspricht, helfen diese Eingriffe Transgender-Personen dabei, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen.

Nicht die Vertreter der Amtskirche, sondern aufgeklärte Humanist*innen sind die wahren Verfechter und Bewahrer der menschlichen Würde. Ihnen würde nie einfallen, die menschliche Würde von Transgender-Menschen zu hinterfragen. Sie waren es auch, die gegen den brutalen Widerstand der katholischen Kirche im Zeitalter der Aufklärung die Nächstenliebe auf alle Menschen anwendeten. Das humanistische Werk ist der Leuchtturm, an dem sich alle Menschen orientieren können, wenn sie in den Wogen religiösen Unrechts unterzugehen drohen.

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Replik auf den Gastkommentar von Rudolf K. Höfer

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