Rätsel #9 | Über einen vergessenen Humanisten und Menschenfreund

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Die gesuchte Person erblickt im Jahr 1737 in Norfolk, England, das Licht der Welt. Die Herkunft ist geprägt von bescheidenen Verhältnissen. Die Bildung ist dürftig und beschränkt sich auf die Aneignung grundlegender Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, erlernt der junge Mann den Beruf des Steuerbeamten. Diese Tätigkeit bietet zwar eine gewisse finanzielle Stabilität, doch das magere Gehalt reicht kaum aus, um die grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen. Trotz der prekären finanziellen Situation zeigt die gesuchte Person einen ausgeprägten Wissensdurst und eine unbändige Lernbereitschaft. Mit einem Teil der kargen Einkünfte erwirbt sie Bücher, um ihr Wissen zu erweitern.

Schon in jungen Jahren zeigt die gesuchte Person eine bemerkenswerte Konfliktbereitschaft. Sie scheut sich nicht davor, die unzulänglichen Löhne und Arbeitsbedingungen in ihrem Beruf offen anzuprangern. In einer mutigen Tat verfasst sie sogar eine Petition, um für die Verbesserung der Arbeitssituation einzutreten. Der mutige Einsatz bleibt nicht ohne Folgen. Die gesuchte Person wird prompt aus ihrem Beruf entlassen, die Ehe geht daraufhin nach kurzer Zeit in Brüche und die letzten Habseligkeiten müssen versteigert werden.

Jetzt hält den jungen Mann nichts mehr im alten Europa. Er trifft auf Benjamin Franklin, der als einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten und Mitverfasser der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten in die Geschichte eingehen wird (und auch dafür, dass er den Blitzableiter erfand). Franklin befindet sich zufällig in London, um Verhandlungen mit dem britischen Königreich zu führen. Diese Verhandlungen scheiterten zwar, doch für die gesuchte Person wird diese Begegnung zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Franklin erkennt das Potenzial und die schriftstellerische Begabung der gesuchten Person. Er stattet sie mit einem Empfehlungsschreiben aus und ermuntert sie, nach Amerika zu gehen.

Der Plan von Franklin geht auf. Zur Rechtfertigung des Unabhängigkeitskampfes verfasst unser Streiter ab 1776 antifeudalistische und radikaldemokratische Kampfschriften, die in Amerika begeistert gelesen werden. Die gesuchte Person zählt aber auch zu jenen Kritikern, die den Sklavenhandel anprangern und umgehend abschaffen wollen. Ein Werk ragt unter den vielen Schriften besonders hervor. Es trägt maßgeblich zur Radikalisierung der öffentlichen Meinung zugunsten einer Unabhängigkeitserklärung der amerikanischen Kolonien von Großbritannien bei. Der Autor verfasst es in einer klaren Sprache, die für die breite Bevölkerung verständlich ist. Leidenschaftlich greift er darin die britische Monarchie an, plädiert für die Unabhängigkeit der Kolonisten und für eine republikanische Regierungsform, in der die Macht beim Volk liegt. In den philosophischen Passagen des Werkes lobt er die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Demokratie. Da Monarchen ihre Macht von Gottes Gnaden ableiten, enthalten die Texte auch Religionskritik. Das Werk wird ein sensationeller Erfolg und verkauft sich innerhalb weniger Monate über 500.000 Mal. Durch die immense Breitenwirkung trägt das Pamphlet entscheidend zum Entschluss der amerikanischen Kolonien bei, in den Krieg gegen das britische Königreich zu ziehen. Bis heute gilt es als eines der wichtigsten Werke der amerikanischen Geschichte.

Während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges dient der humanistische Vordenker als Adjutant, doch seine wahre Expertise liegt in der scharfen Feder. Mit Leidenschaft verfasste er weiterhin kämpferische Texte, insbesondere in Zeiten kriegerischer Ereignisse, wenn die Amerikaner in Krisensituationen geraten. Seine inspirierenden Worte bewegen sogar George Washington dazu, sie seinen Truppen vorlesen zu lassen, als die Armee kurz vor der Auflösung stand. Die Wirkung ist außergewöhnlich: Tausende amerikanische Soldaten, deren Dienstzeit bereits abgelaufen ist und die es drängt, die Feldarbeit auf den Farmen zu verrichten, verpflichteten sich erneut, inspiriert von den aufwühlenden Worten.

Nach dem Sieg der Kolonisten kehrt der Protagonist unseres Rätsels zurück nach England. Dort kann er es nicht lassen, sich erneut in die britische Politik einzumischen. Den Behörden gefällt das wenig. Doch 1789 kommt es zu einem epochalen Ereignis, die Französische Revolution bricht aus. Für die gesuchte Person, die sich stets für Freiheit der Menschen eingesetzt hat, ist dies ein Hoffnungsschimmer. Er sieht in der Revolution auch eine Chance auf eine neue Ära für sein Geburtsland.

Voller Enthusiasmus verfasst die gesuchte Person eine neue Streitschrift, in der sie die Französische Revolution leidenschaftlich verteidigt. Sie argumentiert für die Ideale der Revolution und prangert die Unterdrückung des Volkes durch die Monarchie an. Ihre Schrift findet schnell Verbreitung in ganz Europa. Obwohl sie kaum Französisch spricht, bekommt die gesuchte Person die französische Staatsbürgerschaft und wird Abgeordneter eines französischen Departements.

Dann wendet sich das Blatt. Unser Mann ist unbedingt für die Abschaffung der Monarchie, beklagt jedoch als Humanist und Menschenfreund den Terror gegen die Royalisten und setzt sich dafür ein, das Leben des Königs zu retten. Für diese humanistische Haltung muss er den Preis zahlen. Als die Radikalen unter der Führung von Maximilien Robespierre die Macht übernehmen, wird er Opfer der Exzesse der Revolution. Robespierre lässt ihn verhaften und er wird in den Kerker gesteckt. Die scharfe Klinge der Guillotine ist auch für ihn bestimmt, aber er hat Glück und überlebt die barbarische Metzgerei. Zu den Gründen seines Entkommens gibt es unterschiedliche Erzählungen. Die einen berichten, er sei auf Betreiben des amerikanischen Botschafters in Paris freigelassen worden. Andere warten mit folgender, unglaublichen Geschichte auf: Ein Wachposten soll die Türen der verurteilten Gefangenen mit Kreide für die nächste Hinrichtung markiert haben. Auch die Zellentür unseres Helden erhielt zwar ein Kreidezeichen, aber da sich gerade ein Arzt in der Zelle befand, stand die Zellentür offen und als sie zugeschlagen wurde, befand sich das Kreidezeichen auf der Innenseite und war von außen nicht mehr sichtbar. Als später die zum Tode Verurteilten aus den Zellen zusammengetrieben wurden, überging man den Delinquenten. Nur wenige Tage später wurde Robespierre selbst hingerichtet und alle von Robespierre angeordneten Todesurteile waren außer Kraft gesetzt.

Eine nette Geschichte, ob sie bloß eine Legende ist, müssen Historiker beurteilen. Nach seiner Freilassung lebt die gesuchte Person jedenfalls für einige Monate im Hause des amerikanischen Botschafters. In dieser Zeit beendet sie ein weiteres, sehr religionskritisches Werk, das wiederum rasch Berühmtheit erlangt.

Die Geschichte nach der Französischen Revolution ist bekannt. Enttäuscht über den Aufstieg von Napoleon Bonaparte und von der Wandlung der Republik zu einer Diktatur, verlässt die gesuchte Person frustriert Europa, aber diesmal ist es ein endgültiger Abschied.

In den Vereinigten Staaten erinnert man sich aber nicht mehr an die gesuchte Person, zu viel Zeit ist nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges bereits vergangen. Der Versuch einer weiteren politischen Karriere scheitert kläglich, Alkoholprobleme machen sich bemerkbar. Im Juni 1809 verstirbt die gesuchte Person vereinsamt in New York. Die Zeitungen von damals registrieren es kaum. Heute steht ihre Büste in der Hall of Fame, die jährlich von Hunderttausenden Amerikanern besucht wird. Mich tröstet die Vorstellung, dass der unbeugsame Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte kurz vor seinem Tod vielleicht noch aus den Gazetten erfahren haben könnte, dass Napoleon Bonaparte erstmals in Aspern bei Wien in einer Schlacht besiegt worden war und damit der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Diktators verloren ging.

Meine Fragen lauten:

  1. Von welchem Humanisten und Menschenfreund ist im Rätsel die Rede?
  2. Wie lautet der englische Titel seiner berühmten Streitschrift, von denen die Historiker sagen, dass sie mehr als jede andere einzelne Veröffentlichung den Weg für die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 ebnete?

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UP-DATE 03.05.2024: Auflösung des Rätsels

  1. Thomas Paine, geboren am 29. Januar 1737 in Norfolk (England), gestorben am 8. Juni 1809 in New York (USA) war ein englisch-amerikanischer Schriftsteller und politischer Pamphletist.
  2. Das rd. 50-seitige Pamphlet „Common Sense (Gesunder Menschenverstand)“ hat die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung maßgeblich beeinflusst:

    Nach Beginn der ersten Unruhen im Jahr 1775 waren viele Kolonisten noch nicht bereit, sich von Großbritannien abzuspalten. Sie wollten dem König treu bleiben und nur ihre Steuerlast reduzieren. Common Sense, erstmals im Januar 1776 in Philadelphia veröffentlicht, hat viel zur Änderung dieser Einstellung beigetragen. Als radikaler Revolutionär und Visionär wettert Thomas Paine nicht nur polemisch gegen die Herrschaft des Königs, er zeigt den Kolonisten eine völlig andere Art der Regierung auf, in der Menschen frei sind und die Macht haben, sich selbst zu regieren. So schrieb er:

    Wir haben jede Gelegenheit und jede Ermutigung vor uns, die edelste und reinste Verfassung auf der Erde zu schaffen.

    Nachdem Paine während des Unabhängigkeitskrieges die zum Teil emotional aufgeladenen und inspirierenden Aufsätze „The American Crisis“ geschrieben hatte, kehrte er nach Europa zurück und schrieb mit „Rights of Man“ eine mitreißende Verteidigung der Französischen Revolution und der republikanischen Grundsätze.

    Sein letzter großer Essay „The Age of Reason (Das Zeitalter der Vernunft)“ ist eine scharfe Kritik der institutionalisierten Religion und der christlichen Theologie.

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Eine Antwort zu „Rätsel #9 | Über einen vergessenen Humanisten und Menschenfreund”.

  1. Avatar von M.Mim
    M.Mim

    ich bin zwar jetzt auch zufrieden über das neu erworbene Wissen, aber ohne Google würde ich das nicht schaffen. Auf jeden Fall habe ich jetzt Lust bekommen, mehr über dieses Werk von einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten zu lesen. Antwort gebe ich jetzt keine, damit alle anderen noch zu raten haben. Aber ich weiß es!

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