Zeit für ein neues Rätsel: Inmitten der prächtigen Gemäldegalerien eines berühmten Museums in einem europäischen Kulturzentrum stößt man auf ein gewaltiges Ölbild, das zugleich schockiert und fasziniert.
Mit 27 Jahren schuf der junge Künstler dieses monumentale Werk, bevor ihn das Schicksal im Alter von nur 32 Jahren durch einen tragischen Reitunfall ereilte. Dank eines ererbten Vermögens war er zu Lebzeiten finanziell unabhängig gewesen und er hatte sich frei seiner künstlerischen Leidenschaft widmen können, ohne auf Aufträge von reichen Gönnern angewiesen zu sein. Obwohl sein Leben so frühzeitig endete, hinterließ er der Welt ein Meisterwerk, das von seinem hohen Talent zeugt. Man kann nur erahnen, welche weiteren großartigen Werke er hätte erschaffen können, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre.
Auf einer Fläche von ca. 35 Quadratmetern entfaltet sich ein gigantisches Ölgemälde (4,91 x 7,16 Meter). Die Darstellung ist inspiriert von einer wahren Begebenheit. Die Gestalten auf dem Gemälde sind die letzten Überlebenden einer Katastrophe, die 141 Menschen das Leben kostete. Durst, Hunger, Verletzungen, Erschöpfung, Naturkräfte, Freitod und vor allem mörderische Raserei hatten ihren Tribut gefordert. Die Tragödie war keiner Laune der Natur geschuldet, sondern das bittere Ergebnis menschlichen Versagens. Ein Mann ohne ausreichender Erfahrung, aber mit adeliger Herkunft und königstreuer Gesinnung, erhielt das Kommando – eine Entscheidung, die fatale Folgen haben sollte. Der unerfahrene Kommandant, überfordert durch die Situation, umgab sich mit Schmeichlern und ignorierte den Rat erfahrener Untergebener. Getrieben von Eigeninteresse, sorgte er zuerst für sein eigenes Überleben, gefährdete seine Schutzbefohlenen damit zusätzlich. Trotz seines Versagens und der Verantwortung für den Tod von so vielen Menschen wurde der Kommandant aufgrund seiner Beziehungen zum Königshaus mit lächerlichen drei Jahren Haft bestraft. Jedoch der Bericht eines Hilfsarztes, der die Katastrophe überlebte, in einer anti-monarchistischen Zeitung deckte den Vorfall auf. Im Heimatland des Kommandanten musste ein Minister seinen Posten räumen, der König und sein Günstlingssystem blieben unangetastet.
Das Gemälde enthüllt die physische und emotionale Qual der Überlebenden, aber es enthält auch ein Element der Hoffnung. Der Künstler versteht es meisterhaft, die Emotionen der Überlebenden einzufangen und auf den Betrachter zu übertragen. Die düsteren Farben, die starken Hell-Dunkel-Kontraste und die realistischen Darstellungen der ausgezehrten Körper und Toten erzeugen eine Atmosphäre von tiefer Verzweiflung. Doch der Künstler verschweigt einige der grausamsten Details der wahren Ereignisse, wie den Kannibalismus unter den Überlebenden und das Aufhängen menschlicher Fleischstücke. Diesen Tabubruch, der die Fähigkeit der Menschen zur Moralität in Extremsituationen in Frage stellt, hat der Künstler nicht dargestellt. In den Vorskizzen zum Gemälde war der Kannibalismus noch von ihm skizziert worden, letztendlich sind diese Entwürfe aber nicht in die endgültige Fassung des Gemäldes übernommen worden. Die emotionale Kraft des Gemäldes liegt nicht in der Darstellung von tabuisierten Themen, sondern in der meisterhaften Umsetzung von Leid, Trauer und Verzweiflung. Der Künstler versteht es, das Publikum in die Situation der Überlebenden hineinzuversetzen und an ihrer Tragödie teilhaben zu lassen.
Trotz seiner künstlerischen Brillanz fand das Meisterwerk zunächst keine Anerkennung bei den Kunstkritikern und Kunstmäzen. Die Gründe dafür waren vielfältig: Das Königshaus und die Nation wollten die peinliche Affäre hinter sich lassen, die das Gemälde thematisierte. Darüber hinaus fehlte dem Werk die übliche Glorifizierung von Herrschern, Schlachten, Helden oder die Martyrien von Heiligen. Die Darstellung des Leids und der Stärke einfacher Menschen war für die damalige Zeit ein zu kühnes Novum. Das Gemälde stieß aber auch auf Ablehnung, weil es provozierte. Es wurde als Kritik an der königlichen Praxis der Postenvergabe verstanden.
Die Rätselfragen lauten diesmal:
- Wie lautet der Titel des Gemäldes in deutscher Sprache, das man als Sinnbild des Scheiterns der Menschlichkeit in Extremsituationen ansehen kann?
- Welcher Künstler erschuf das Bild und hat es 1819 erstmals ausgestellt?
- In welchem weltberühmten Museum kann man das Bild bewundern?
- Welche reale Katastrophe inspirierte den Künstler zu seinem Meisterwerk?
Diskussionsfragen
Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten auf diese Fragen, sondern sie werden zur Diskussion gestellt:
I.
Am Ende überlebten die Stärksten und Rücksichtslosesten. Wäre die Kooperationsbereitschaft statt des Kampfes unter den Schiffbrüchigen größer gewesen, hätten mehr Menschen überleben können? Oder ist in einer Extremsituation, wo Nahrung und Wasser äußerst knapp sind und Rettung ungewiss ist, der Griff nach Überlebensvorteilen durch Gewalt aus Sicht des Einzelnen legitim? Welche moralischen Grundsätze können in einer katastrophalen Situation überhaupt noch aufrechterhalten werden? Gibt es in einer solchen Extremsituation eine moralische Richtschnur? Ist ein Individuum, das in einer aussichtslosen Situation alles dafür tut, um zu überleben, zu kritisieren? Wie viel Moral kann man von Menschen in Extremsituationen erwarten, wenn der Tod unmittelbar droht?
II.
Wo liegen die Grenzen der Berichterstattung in der Kunst? Ist es die Aufgabe der Kunst, die pure Wahrheit schonungslos aufzuzeigen, selbst wenn dies schockierend und verstörend ist? Oder sollte die Kunst auch eine gewisse Schonung des Publikums walten lassen und gewisse Details verschweigen, um Voyeurismus zu vermeiden?
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Freiwillige Mitmachbedingungen:
- kein Google
- kein Wikipedia
- keine Bildrückverfolgung
- kein Lesen der Antworten in den Kommentaren
Eure Antworten:
Eure Antworten schreibt auf der jeweiligen Veröffentlichungsplattform oder sehr gerne als Kommentar auf der Webseite meines humanistischen Blogs.
Auflösung:
Die Auflösung erfolgt am 21.07.2024, ab 10:00, als up-date auf der humanistischen Blog-Webseite. Zur Auflösung dann bis zum Ende des Beitrags runterscrollen. Danke.
Preis für die richtigen Antworten:
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Trostpreis für falsche Antworten:
Freude, neues Wissen erfahren zu haben
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Auflösung des Rätsels Nr. 11

Von Théodore Géricault – Gemeinfrei (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17456087)
- Das Gemälde, das als Sinnbild des Scheiterns der Menschlichkeit in Extremsituationen angesehen werden kann, trägt in deutscher Sprache den Titel „Das Floß der Medusa“. In der Erstausstellung im Jahr 1819 hieß es bloß „Szene eines Schiffbruchs“, um das Königshaus nicht noch mehr herauszufordern.
- Der Schöpfer des Gemäldes ist der französische Maler Théodore Géricault.
- Das Meisterwerk „Das Floß der Medusa“ ist heute im Louvre-Museum in Paris zu bewundern.
- Es handelt sich um das Schiffsunglück der Fregatte Medusa im Juli 1816 vor der Küste Westafrikas. Der unerfahrene Kapitän hatte trotz eindringlicher Warnungen das Segelboot auf einer Sandbank auflaufen lassen. Drei Tage wurde vergeblich versucht, das Schiff von der Blockade zu befreien, dann entschloss man sich das Schiff aufzugeben. Es befanden sich ungefähr 400 Menschen am Bord. Weil die Beiboote nicht für alle ausreichten, baute die Besatzung ein notdürftiges Floß, das von den Booten gezogen werden sollte. Wer in die Beiboote durfte und wer das Floß nehmen musste, bestimmte der Kapitän. Das Floß war für die Soldaten und einfachen Handwerkern und einigen niedrigen Besatzungsmitgliedern vorgesehen. Der Gouverneur und seine Familie wie der Kapitän selbst bestiegen die Rettungsboote mit ausreichendem Proviant. Der Kapitän verließ sogar das Schiff, als noch nicht alle Passagiere vom Bord des Schiffes gegangen waren. Schon nach kurzer Zeit kappten Offiziere die Seile. Mit kleinem Proviant, zwei Fässern Wasser und ein paar Fässern Wein trieb das Floß mit 146 Personen auf dem Meer. Als es nach Tagen endlich aufgefunden wurde, waren nur noch 15 am Leben. In wütenden Kämpfen hatten sich die Männer gegenseitig massakriert, viele waren ins Meer gerissen worden, einige aus Verzweiflung hineingesprungen, andere an der Erschöpfung gestorben. Am Ende überlebten die Stärksten.
Diskussionsfragen zum Gemälde „Das Floß der Medusa“:
1. Überleben der Stärksten:
Die Frage, ob mehr Menschen hätten überleben können, wenn Kooperation statt Kampf auf dem Floß der Medusa geherrscht hätte, ist schwierig zu beantworten. Man kann aber annehmen, dass eine solidarische und geordnete Verteilung der knappen Ressourcen die Überlebenschancen aller hätte erhöhen können. Doch sind auch die extremen Umstände auf dem Floß zu berücksichtigen. Die Menschen waren verzweifelt, dehydriert und von Hunger geplagt. In einer solchen Extremsituation kann Panik und Egoismus schnell die Oberhand gewinnen. Es ist sehr fraglich, ob Kooperation unter diesen Bedingungen überhaupt realistisch gewesen wäre. Die moralischen Grundsätze, die in einer Extremsituation wie der auf dem Floß der Medusa gelten, sind schwer zu definieren. In einer Situation, in der der Tod unmittelbar droht, gerät die Moral an ihre Grenzen. Der Wille zu überleben ist stark und kann Menschen dazu treiben, Dinge zu tun, die sie sonst als unmoralisch bezeichnen würden. Moralische Maßstäbe, die in den Universitätsräumen diskutiert oder bequem auf dem Sofa gefordert werden, können jedenfalls nicht einfach auf eine Extremsituation übertragen werden. Es ist kritikwürdig, ein Individuum, das in einer aussichtslosen Situation alles dafür tut, um zu überleben, als „unmoralisch“ zu bezeichnen. Der Überlebensinstinkt ist ein starker Motor in uns Menschen und kann uns in Extremsituationen zu Handlungen treiben, die wir sonst niemals begehen würden. Die psychische Verfassung der Menschen auf dem Floß der Medusa spielte eine große Rolle. In einer solchen Extremsituation können moralische Prinzipien in den Hintergrund treten.
Argumente für die schonungslose Darstellung der Wahrheit:
- Kunst als Spiegel der Realität: Kunst kann und sollte die Realität in all ihren Facetten abbilden, auch wenn diese schockierend oder verstörend ist. Es ist ihre Aufgabe, gesellschaftliche Missstände aufzudecken, Tabuthemen anzusprechen und zum Nachdenken anzuregen.
- Kathartische Wirkung: Die Konfrontation mit der Wahrheit, auch in ihrer brutalsten Form, kann kathartisch wirken und helfen, Traumata und Ängste zu verarbeiten. Kunst kann so zu einem Heilungsprozess beitragen.
- Verantwortung des Künstlers: Künstler sollten sich nicht von kommerziellen Interessen oder vom Geschmack des Publikums leiten lassen.
Argumente für die Rücksichtnahme auf das Publikum:
- Schutz des Publikums: Nicht jeder ist in der Lage, mit schockierenden Bildern oder Inhalten umzugehen. Kunst sollte daher auch die Schutzbedürfnisse des Publikums berücksichtigen und gewisse Details verschweigen. Vor allem Kunst im öffentlichen Raum, der für Kinder zugänglich ist, besteht eine Pflicht auf Rücksichtnahme.
- Vermeidung von Voyeurismus: Die schonungslose Darstellung von Gewalt und Leid kann voyeuristische Tendenzen im Publikum hervorrufen und zu einer Verharmlosung des Leidens führen. Kunst sollte aber Verständnis, Mitgefühl und Empathie fördern.
- Künstlerische Freiheit: Künstler müssen die Freiheit haben, ihre Kunst so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Dies beinhaltet auch die Möglichkeit, Details zu verschweigen oder die Darstellung zu stilisieren.
Letztendlich liegt die Entscheidung darüber, ob Kunst die pure Wahrheit schonungslos aufzeigen oder gewisse Details verschweigen soll, beim Künstler selbst. Künstler sollten sich aber ihrer Verantwortung bewusst sein und ihre Entscheidungen reflektiert treffen.

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