Wer hätte das gedacht? Im Jahr 1925 konnten nur 3 % der Frauen im Iran lesen und schreiben. Doch schon 2012 stellten Frauen trotz der Islamischen Revolution von 1979 bereits zwei Drittel der Studierenden an einigen iranischen Universitäten![1] Als Reaktion wurden Frauen aus bestimmten Studienfächern verbannt, weil diese angeblich nicht für die weibliche Natur geeignet seien. Mit solchen ambivalenten Tatsachen überrascht Mahsa Abdolzadeh in ihrem Buch „Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran: Eine historische Analyse mit Beispielen aus dem 20. Jahrhundert“ .

Über die Demokratie
Ein Buch über die Demokratisierungsversuche im Iran kommt nicht umhin, sich mit dem Begriff der Demokratie auseinanderzusetzen. Über das Wesen und die Inhalte der Demokratie existiert bereits viel Fachliteratur, doch die Autorin verdeutlicht, dass sich das antike griechische Demokratieverständnis nicht einfach auf die Gegenwart, insbesondere in islamisch geprägten Staaten, übertragen lässt. Dabei gelingen Abdolzadeh einige prägnante Formulierungen, die zum Nachdenken anregen:
„Demokratie muss sich immer wieder aufs Neue behaupten. Sie kann sich niemals sicher sein, dass mit der Einrichtung demokratischer Verfassungsformen das Projekt Demokratie auf Dauer besteht und vor Erschütterungen gefeit ist.“
„Eine Demokratie ist nur so gut, wie das Volk, das sie trägt.“
„In der Demokratie bedarf es nach wie vor einer Kraft, die mit Konsequenz und Entschlossenheit darauf achtet, dass die errungenen Rechte der Frauen nicht wieder zurückgenommen werden“.
Das im Westen vorherrschende Demokratieideal wird besonders klar von den Autoren Berg-Schlosser/Stammen[2] formuliert. Die Textpassage, welche Abdolzadeh zitiert, möchte auch ich hier anführen:
„Grundlage dieses zweiten Aspekts von Demokratie ist die vor allem in der Naturrechtslehre entwickelte Vorstellung eines mit Vernunft begabten, sich aufgrund rationaler Überlegungen frei über seine Belange entscheidenden Menschen. Grundsätzlich ist hierzu jeder Mensch gleichermaßen in der Lage und hat hierauf Anspruch, ungeachtet seiner Rassen-, Volks-, Geschlechts-, Religions-, Klassen-, und andere Zugehörigkeit zu bestimmten näheren Gruppen“
Dieses einleitende Kapitel beleuchtet viele interessante Aspekte der westlichen Demokratiegeschichte. Allerdings – und dies scheint dem Format der Schriftenreihe geschuldet zu sein – werden einige Hintergründe nicht immer umfassend und ausführlich erklärt. So erwähnt die Autorin die Demokratieskepsis, die seit jeher besteht, auch bereits bei den alten Griechen. Aristoteles, als Schüler Platons, wird vorgestellt, ohne zu erwähnen, dass Platon die athenische Demokratie fürchterlich fand, insbesondere weil er den aufgezwungenen Selbstmord des von ihm verehrten Sokrates miterlebte.
Besonders spannend sind Abdolzadehs Ausführungen darüber, wie verschiedene Philosophen und politische Gruppen bestimmte Bevölkerungsschichten von der politischen Partizipation ausschließen oder benachteiligen wollten. Zum Beispiel glaubte der britische Ökonom und Philosoph John Stuart Mill (1806-1873), dass die höher gebildeten Schichten Mehrfachstimmen und Analphabeten gar keine Stimmen zustehen sollten, da er fürchtete, dass die Ungebildeten ihre Stimmen verkaufen würden.
Ein weiterer historischer Aspekt, den die Autorin anführt, ist die Wahlpflicht bei den Bundespräsidentenwahlen, die in Österreich zeitweise galt. Dies wurde von der ÖVP gewollt, um konservative Frauen an die Wahlurnen zu bringen, damit die Sozialdemokratie aufgrund des Frauenwahlrechts nicht zu stark wird.
Die Autorin schließt diesen Abschnitt mit der eindringlichen Feststellung:
„Der größte Feind der Demokratie in unseren Breiten sind meiner Meinung nach Unbildung, Desinteresse, Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit, die das Volk blind werden lassen für die Probleme, die uns wirklich bedrohen, nämlich, dass eine kleine Elite das Land am Volk vorbeiregiert.“
Frauenbewegungen und Feminismus
Das vorliegende Buch enthält erwartungsgemäß ein Kapitel über die zweihundertjährige Geschichte der Frauenbewegung und des Feminismus im Allgemeinen. Obwohl auch dieses Kapitel zu knapp gefasst ist, ist es aufgrund der ausgewählten Informationen lohnend zu lesen.
So weist die Autorin auf die ambivalente Rolle des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) hin, der einerseits als Schlüsselfigur der Aufklärung und als Vorläufer der modernen Demokratie gefeiert wird, gleichzeitig jedoch stark geschlechterstereotype Vorstellungen in seinen Schriften, insbesondere im Erziehungsroman Émile, äußert. Rousseau argumentierte, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht nur sozial konstruiert seien, sondern auch natürliche Grundlagen hätten. Er stützte sich dabei insbesondere auf den Sexualakt, um seine These zu untermauern. Er meinte, dass der Mann in der Sexualität der aktive Part sei und die Frau den passiven Part einnehme, und übertrug diese vermeintliche Dynamik auf das gesellschaftliche und politische Leben. Er ging so weit, dass er die Idee vertrat, Frauen seien von Natur aus dazu bestimmt, Männern zu gefallen und ihnen zu gehorchen, was implizierte, dass politische Macht in den Händen von Männern bleiben sollte.
Über die Stellung der Frau im Islam und im Iran
Für einige Leser*innen könnte die folgende Information neu sein: Manche islamische Theologen und Religionswissenschaftler argumentieren, dass der Islam die einzige monotheistische Religion sei, die eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau verkünde. Der Schöpfungsbericht im Koran, der besagt, dass Mann und Frau gleichwertig erschaffen wurden und dass Adam ebenso wie Eva an der Vertreibung aus dem Paradies schuld sei, wird als Argument angeführt. Dass in islamischen Staaten von dieser Gleichheit im täglichen Leben wenig zu spüren ist, wird den patriarchalischen Strukturen zugeschrieben, für die der Islam nicht verantwortlich gemacht wird. Diese Meinung wird jedoch nicht von allen Islamwissenschaftlern geteilt, insbesondere nicht von Islamwissenschaftlerinnen, die argumentieren, dass Mohammed diese Strukturen nicht nur akzeptiert, sondern zur göttlichen Ordnung erhoben hat. Da der Koran nicht auf moderne Zeiten ausgelegt wird und im islamischen Raum keine Säkularisierung stattfindet, ist die gesellschaftliche Ordnung des 7. Jahrhunderts für alle Zeiten einzementiert worden. Abdolzadeh kommentiert:
„Die Diskriminierung der islamischen Frauen ist aber nicht durch die frauenfeindliche Auslegung des Korans bedingt, sondern systemimmanent.“
Wer sich über die wahre Stellung der Frau im Koran informieren möchte, findet in diesem Kapitel einprägsame Surenzitate, die auch die Pflicht zur körperlichen Züchtigung durch den Mann thematisieren.
Andererseits ist es wichtig zu betonen, dass die Frau im Iran nicht nur als Gebrauchsgegenstand betrachtet wird. In der Rolle als Mutter, Erzieherin und Vorbild muslimischer Kinder genießt sie ein hohes Ansehen. Die Ungerechtigkeit liegt jedoch darin, dass sie nur in dieser eingeschränkten Rolle anerkannt wird und kein Recht auf persönliche Selbstentfaltung erhält. Deshalb trägt sie unter anderem das Kopftuch, da sie sonst als „böse“ oder gar als „Verkörperung des Satans“ gilt. Abdolzadeh fragt:
„Der Körper eines Menschen ist das erste, was ein Mensch als humanitäres Wesen besitzen darf. Wenn eine Frau über ihren eigenen Körper nicht entscheiden darf, wie kann sich diese Frau dann in einer Gesellschaft integrieren? Diese Frage stellen sich viele Frauen in islamischen Gesellschaften, wo der Körper einer Frau als erstes Instrument der Unterdrückung ilt. (…) Frauen im Iran kämpfen nicht nur für ihre Freiheit, für den gleichen Lohn, sie kämpfen darum, als Mensch anerkannt zu werden, um nicht nur ein minderwertiger Körper aus Fleisch und Knochen zu sein, der ständig versteckt werden soll.“
Die Kluft zwischen Stadt und Land ist gravierend. In ländlichen, ärmeren Regionen dürfen Frauen ohne Erlaubnis des Mannes oder ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus nicht verlassen.
Dürfen Frauen arbeiten, sind sie am Arbeitsplatz oft sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Das Vorurteil, dass arbeitende Frauen einen schwachen Mann an ihrer Seite haben oder dringend Geld benötigen, weil sie keine anderen Arbeitsmöglichkeiten besitzen, ist weit verbreitet.
Eine spannende Frage bleibt: Wie kann es sein, dass ein Land, in dem Frauen die Scheidung grundsätzlich nur unter wenigen Ausnahmen verboten ist, eine der höchsten Scheidungsraten aufweist? Teilweise liegt das an Männern, die „fortschrittlicher“ denken, als es das iranische Recht vorsieht, und den Frauen im Ehevertrag ein Scheidungsrecht einräumen. Auch diese Erkenntnis überrascht und bereichert das Bild, das dieses Buch vermittelt.
Häusliche Gewalt ist ein weit verbreitetes Thema. Nach dem Koran darf der Mann die Frau züchtigen, während dies für Frauen nicht gilt. Mädchen lernen bereits in ihrem Elternhaus, dass sie häusliche Gewalt geheim halten müssen. Kommt es ausnahmsweise doch zu einer Scheidung, werden Frauen in Unterhaltsprozessen benachteiligt.
Über die Kritik an die Frauenbewegung
Von der zu erwartenden Abneigung aus religiösen und patriarchalischen Gründen abgesehen, wird den Frauenbewegungen auch vorgeworfen, sie seien Instrumente einer kapitalistischen Herrschaft. Der westliche Feminismus sei bloß ein Weg, die Frau als Arbeitskraft auszubeuten. Die feministische Bewegung zwinge die Frau wie ein Mann arbeiten zu gehen und ihren Körper als Werkzeug zu benutzen. Die Frau werde auf ihren Körper reduziert.
Diese Behauptungen stammen nicht etwa von der iranischen Staatsmacht, sondern Abdolzadeh zitiert hier einen iranischen Frauenaktivisten.
Historische Entwicklung
Die historische Entwicklung ist ein zentraler Bestandteil des Buches. Besonders hervorheben möchte ich einen Punkt: Es gab eine Zeit im Iran, in der der Hijab für Frauen verboten war und Polygamie nahezu unmöglich gemacht wurde. Unter der Pahlawi-Dynastie wurde in den 1920er und 1930er Jahren, inspiriert vom damaligen Modernisierungsansatz der Türkei, versucht, den Iran zu modernisieren. Doch im Zuge der Revolution 1979 wurden diese Errungenschaften zurückgenommen, und die Zwangsverschleierung wurde erneut eingeführt. Erfolgreiche Frauen wurden als westliche Monster dargestellt und beschuldigt, iranische Frauen zu manipulieren, um westliche Machtinteressen zu verwirklichen.
Die Autorin erläutert auf den letzten Seiten, wie es zur Islamischen Revolution kommen konnte und warum auch gebildete Frauen anfänglich optimistisch daran mitwirkten, nur um bald bitter enttäuscht zu werden.
Zu den Demokratisierungschancen im Iran
Das Schlusskapitel widmet sich den Demokratisierungschancen im Iran.
Kritik und Kaufempfehlung?
Das Werk umfasst 120 Seiten und lässt sich flüssig lesen. Die Kürze und Kompaktheit machen es zu einer idealen Lektüre für zwischendurch. Auch bei mir türmen sich die umfangreichen Werke, die ich noch lesen und, wenn sie überzeugend sind, rezensieren möchte. Das Buch „Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran: Eine historische Analyse mit Beispielen aus dem 20. Jahrhundert“ habe ich zwischengeschoben und konnte es in einem Rutsch lesen – auch bei größter Anstrengung kann ich mich nicht daran erinnern, wann mir dies das letzte Mal gelungen ist.
Für Laien ist das Buch überaus informativ. Die zahlreichen Beispiele vermitteln ein anschauliches Bild von der Situation iranischer Frauen vor und nach der Islamischen Revolution 1979. Es behandelt Themen wie ungewollte Schwangerschaften, LGBT-Rechte, Schönheitskult und sogar Djihadistinnen.
Obwohl das Werk bereits 2014 in der Schriftenreihe „Gender Studies“ veröffentlicht wurde, bleibt die historische Auseinandersetzung mit den Demokratisierungsbewegungen iranischer Frauen während revolutionärer Zeiten (wie der Konstitutionellen Revolution von 1905–1911 und der Islamischen Revolution 1979) aktuell.
Obwohl die historische Darstellung sprunghaft und kursorisch empfunden werden kann, ist dies kein abschreckenden Mangel. Das vorliegende Büchlein stellt keine akademische Arbeit dar, sondern ein populärwissenschaftliches Werk.
Das Literaturverzeichnis ist reichhaltig und bietet Lesenden eine Menge Material für weiterführende Recherchen.
Die Autorin hat zwar keine eigene Studie durchgeführt, auch Interviews mit Betroffenen waren nicht möglich und die verwendeten Quellen werden vielen Experten bereits bekannt sein. Dennoch sollten auch Fachleute von diesem Werk profitieren können, da die Autorin so viele verschiedene Aspekte des Frauseins im Iran schlüssig zusammenführt.
Die Autorin geht nie in die Tiefe; sodass Leser*innen nicht durch überfrachtende Ausführungen ermüdet werden. Dieses schmale Bändchen eignet sich also hervorragend für alle, die einen Einstieg in das Thema suchen oder einen ersten Überblick gewinnen möchten. Daher empfehle ich das Buch auf jeden Fall interessierten Einsteigern. Wer bereit ist, seine Perspektive auf Frauen und die Frauenbewegung im Iran zu hinterfragen, findet hier eine Fülle spannender Informationen, die oft überraschend sind.
Verlag und Preis
Das Werk „Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran Eine historische Analyse mit Beispielen aus dem 20. Jahrhundert“ ist 2014 in der Schriftenreihe „Gender Studies Interdisziplinäre Schriftenreihe zur Geschlechterforschung“ im Verlag Dr. Kovač (Hamburg) mit 136 Seiten erschienen. Auf der Webseite des Verlags wird die Paperback-Ausgabe (ISBN (Print) 978-3-8300-7837-1) zum Preis von EUR 75,80 angeboten. Das Buch ist auch in einer elektronischen Ausgabe (ISBN (ePDF) 978-3-339-07837-7) erhältlich.
[1] Zum Vergleich: In Österreich waren im Sommersemester 2014 54% aller Studierenden Frauen. Im Wintersemester 2022/23 betrug der Frauenanteil unter den Studierenden an österreichischen Hochschulen hingegen rund 56%. Die um 2012 begonnen Maßnahmen der Regierung Irans zur Reduktion des Frauenanteils im Iran wirken. 2017 ist die Zahl der weiblichen Absolventen bereits auf 60% gesunken.
[2] Dirk Berg-Schlosser/Theo Stammen, Einführung in die Politikwissenschaften, München (1992).
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