In „Unterwegs mit Pascal Band I: Über den Menschen – Betrachtungen auf zwölf Wegen“ führt uns Professor Eric Mührel gekonnt und inspirierend durch die Gedankenwelt eines Philosophen, der religionskritische Denker wie Sartre, Camus und Nietzsche tief beeindruckte und dessen existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Erkenntnis und dem „Herzen“ auch heute noch jeden reflektierenden Menschen berühren – unabhängig von weltanschaulichen Überzeugungen.

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Zum Inhalt und Aufbau des Buches
„Unterwegs mit Pascal“ ist kein weiteres biographisches Werk über den Mathematiker und tiefreligiösen Denker Blaise Pascal (1623–1662). Eric Mührel teilt uns seine Gedanken zu den „Gedanken“ („Pensées“) Pascals mit. Die Pensées stellen eine Sammlung von Notizen aus dem Nachlass des Philosophen dar, die er in den letzten Jahren seines kurzen, von chronischen Schmerzen geprägten Lebens verfasst hat. Sie sind als eine Form der Reflexion und Meditation über den Menschen, die Welt und Gott, an den Pascal innig glaubte, zu verstehen. Nach seinem Ableben wurden die Bündel im Auftrag seiner älteren Schwester abgeschrieben und später von einem Neffen neu sortiert. Seitdem haben Philosophen und Verlage versucht, die richtige Ordnung dieser Gedanken, die als Fragmente nummeriert werden, wiederherzustellen.
Mührel hat drei zentrale Themen aus den Pensées ausgewählt, mit denen er sich auseinandersetzt: „Die absurde Lage des Menschen“, „die Sternschnuppen der Erkenntnis“, „das Herz und die Herzensbildung“. Das erste Thema umfasst die existentiellen Fragen nach dem Sinn und dem Grund bzw. eben nach der Absurdität und dem Abgrund des Lebens. Das zweite Thema befasst sich mit dem Denken Pascals zu den Fragen, was Menschen überhaupt in der Welt und über sich selbst zu erkennen und zu wissen vermögen. Was will uns Pascal mit dem Begriff „Herz“ vermitteln und wie unterscheidet sich das Herz vom Verstand und wie kann sich das Herz des Menschen bilden, sind nur einige Fragen, die im Rahmen des dritten Themas erörtert werden. Zu jedem Thema stellt der Autor vier „Wege“ vor, um sich Pascals Denken zu erschließen. Zu Beginn jedes Weges zitiert der Autor kurz einige Fragmente aus den Pensées. Insgesamt umfasst das Buch, mit Prolog und Epilog, vierzehn überschaubare Kapitel, die die Leser*innen einfühlsam und klug in Pascals Gedankenwelt einführen und zum Nachdenken anregen.
Schlaglichter auf Pascals Gedanken
Dem ersten Thema zur absurden Lage des Menschen nähert sich der Autor in vier Wegen an, die die Überschriften „Das Schweigen der unendlichen Räume“, „der Narr im Kerker“, „die Langweile, die Zerstreuung und die Eitelkeit“ und „das Glück“ tragen.
Während etwa eine Generation vor Pascal der Essayist Michel de Montaigne (1533–1592) die Besonderheit des Menschen ironisch und humorvoll mit folgenden Worten beschrieb: „Das Besondere unseres Menschenseins besteht darin, dass wir zugleich zum Lachen befähigte und lächerliche Wesen sind“, verzweifelte Pascal an der Unzulänglichkeit des Menschen. Für ihn ist es unerträglich, dass der Mensch von der Endlichkeit seines Daseins weiß, aber ansonsten in seinen Erkenntnismöglichkeiten beschränkt ist. Mührel fasst die Fragen, die Pascal im Fragment 204 anspricht, zusammen:
„Warum lebe ich in diesem Winkel des Universums und an diesem Ort der Welt?
Warum lebe ich jetzt und nicht in einer Zeit der Vergangenheit oder der Zukunft?
Wer hat mir diesen Platz und die Zeit meines Lebens zugewiesen?
Worin liegt der Sinn dieser Welt und meines Lebens?
Was geschieht mit mir nach meinem Tod?“
Doch das Universum antwortet Pascal nicht, es bleibt stumm. Das hält Pascal nicht aus. Er spricht vom „ewigen Schweigen der unendlichen Räume“, das ihn zutiefst erschüttert.
Ein zweites Bild, das Pascal wiederholt verwendet, ist jenes des Kerkers. Es ist ein Bild des Schmerzes und der Hoffnungslosigkeit angesichts der Unabwendbarkeit der Endlichkeit des Lebens und zeigt eine Gemeinschaft im Absurden:
„Man stelle sich eine Anzahl von Menschen vor, die alle in Ketten gelegt und zum Tode verurteilt sind und von denen jeden Tag einigen vor den Augen der anderen die Kehle durchgeschnitten wird, sodass die Überlebenden ihre eigene Lage in der ihre Mitmenschen sehen und, während sie einander mit Schmerz und ohne Hoffnung ansehen, ihrerseits darauf warten, an der Reihe zu sein!“ (Fragment 6)
Das ganze Elend, das Pascal glaubt, in der Situation des Menschen zu sehen, wird im Bild des Kerkers sichtbar. Im Kerker warten die Menschen auf die Vollstreckung des Urteils, den Tod. Sie warten mit Schmerzen und ohne Hoffnung. Darum gaukeln sich die Menschen vor, dass dieser Kerker gar nicht existiert. Der Narr, wird von Pascal demaskiert aber nicht verurteilt:
„Es tut den Menschen so sehr Not, närrisch zu sein, dass es hieße, auf eine andere Art von Narrheit närrisch zu sein, wenn sie nicht närrisch wären.“ (Fragment 441)
Die Menschen fliehen in zerstreuenden Narrheiten, um den Blick auf die existentielle Lage zu entgehen. Es wäre angesichts der absurden Lage des Menschen töricht, nicht närrisch zu sein, sagt uns Pascal in Fragment 441. Und in Fragment 177 formuliert er: „Ohne Zerstreuung gibt es keine Freude. Mit Zerstreuung gibt es keine Traurigkeit.“ Mührel erinnert an dieser Stelle an die Schrift „Lob der Torheit“ von Erasmus von Rotterdam (irgendwann zwischen 1466 bis 1469–1536), die zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein „Bestseller“ wurde. Auch dort wird die Torheit als oberste Tugend des Lebens gepriesen. Aber Pascal lebte nach der „Nacht des Feuers“, eine religiöse Offenbarung, ein anderes Leben und er verurteilte die Nichtigkeiten und Eitelkeiten, den Unrat, der die Herzen der Menschen erfüllt. Und Pascal ist gezwungen, sich mit dem Glück zu beschäftigen.
Verhindert oder fördert die Zerstreuung das Glück? Oder anders formuliert: Welche Menschen sind glücklicher? Jene, die beginnen, über die Lage ihrer Kerker samt ihrer existentiellen Verlorenheit nachzudenken, oder jene, die sich der Zerstreuung hingeben? Mührel konstatiert, dass selbst Pascal zuweilen in Schwebe bleibt. Gekonnt zeigt er die Widersprüchlichkeit der Aussagen in den Fragmenten auf. Weshalb an dieser Stelle gesagt werden soll: Der Wert des Studiums der Gedanken von Pascal und der vorliegenden Monographie von Eric Mührel liegt nicht darin, endgültige Antworten auf existentielle Fragen zu finden, sondern, dass sie zur eigenen Reflexion motivieren. Mehr noch: Die Klugheit, der Feingeist und die sprachliche Formulierungsbegabung des Autors sind allein ein Lesevergnügen. So resümiert Mührel brillant:
„Die Sehnsucht nach dem Glück ist allen Menschen gemein, in einem gewissen Sinne vereint sie diese in einer Gemeinschaft der Glückssuchenden, und gleichzeitig vereinzelt diese Sehnsucht, wie jede Sucht, die Menschen. Sie wird individuell erlitten. In ihr offenbart sich der Kerker der existenziellen Einsamkeit und Verlorenheit.“
Wohltuend lässt sich der Autor auch nicht auf platte Spekulationen ein, etwa, wenn er im dritten und letzten Abschnitt u.a. über die Formulierung „die Augen des Herzes“ umfassend und höchst genial reflektiert. Vorweg stellt er zutreffend klar, dass Pascal lange vor der Epoche der Romantik lebte und somit die Metapher des sehenden Herzens nicht im romantischen Zeitgeist interpretiert werden darf. Im Fragment 180 heißt es bei Pascal: „Wie ist das Herz des Menschen doch hohl und voller Unrat.“ Ein hohles Herz spricht eher für Herzlosigkeit. In Fragment 189 schreibt Pascal auch: „Alle Menschen hassen einander von Natur aus“. Nach Mührel meint Pascal, dass sich das Herz durch „Einbildung“ mit Unrat füllt, und die Menschen würden sich die Erfüllung ihres Herzens einreden. Eine Narretei der Gefangenen im Kerker.
Pascal behauptet: „Man zieht das Ohr nur zur Rate, weil es einem an Herz fehlt“ (Fragment 528). Hier ein Auszug, wie Mührel sich diesem Fragment einfühlsam annähert:
„Was aber treibt Pascal in seinem Gedanken zu dieser Betrachtung des Ohrs als Notbehelf für ein fehlendes Herz? Steht das Ohr dabei noch für das Hören oder nicht schon für die Hörigkeit? Wem es an Herz fehlt, der wird zur Hörigkeit verleitet und zieht in diesem Sinne schnell sein Ohr zur Rate, um auf das zu hören und dann zu tun, was andere ihm sagen und erzählen, ohne sein Herz auf die Richtigkeit dessen zu befragen oder eben wegen des fehlenden oder mangelnden Herzens befragen zu können. Wem es an Herz fehlt, dem fehlt es auch an Werten, Prinzipien und einer entsprechenden und angemessenen Haltung.“
Ein hörendes und vernehmendes Herz sei nach Pascal, so Mührel, ein Herz, das in der Liebe zu dem allumfassenden Wesen lebt. Das Herz funktioniert dabei nach einer eigenen Ordnung, die vom Verstand nicht erfasst werden kann, und eine eigene Erkenntniskraft besitzt. Die Logik des Herzens ist eine andere als die des Verstandes:
„Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht erkennt.“ (Fragment 8)
Für wen ist das Buch besonders geeignet?
Mehrmals betont der Autor: Es bedarf keiner philosophischen Schulung, um sich auf die Wege des Pascal’schen Denkens einzulassen. In der Buchwidmung heißt es: „Gewidmet all jenen, die auf der Suche nach Gewissheit sind.“ Allerdings bin ich der Meinung, dass das Werk vor allem die philosophisch-interessierte Bildungsschicht ansprechen wird.
Der Autor lädt die Leser auch ein, die eigenen Lebenswege – sowohl die bereits gegangenen als auch die noch zu gehenden – zu be- und hinterfragen. Areligiöse Menschen motiviert das Werk, sich anhand von Texten von Jean-Paul Sartre (1905–1980), Albert Camus (1913–1960) und Friedrich Nietzsche (1844-1900)aufzurichten. Eingangs wurde es schon erwähnt, soll jedoch an dieser Stelle nochmals betont werden: Pascal war ein tiefreligiöser Mensch, der dem Jansenismus anhängte. Diese katholische Bewegung stellte besonders strenge moralische und religiöse Anforderungen. Später wurde sie vom Papst als häretisch verurteilt. „Er war ein Mensch auf der Suche nach Gewissheit, einem tragenden Grund für sein Leben“, bringt Mührel das Leitmotiv Pascals treffend auf den Punkt. Die tragische Absurdität daran, offenbart sich, wenn beispielsweise in Fragment 204 zu lesen ist, dass Pascal sich als „unfähig zu jeglicher Erkenntnis“ sieht und sich entsetzt, „wie ein Mensch, den man schlafend auf eine schauerliche einsame Insel gebracht hat und der erwacht, ohne sich auszukennen und ohne einen Ausweg zu finden.“ Trotz seiner strenggläubigen Haltung wurde Pascal von religionskritischen Denkern wie Sartre, Camus und Nietzsche sehr geschätzt. Mührel erinnert daran, dass Camus in sein Tagebuch im November 1956 notierte: „Pascal, der größte von allen, gestern und heute“. Auch der Schweizer Schriftsteller Peter Bieri (geb. 1949), bekannt unter dem Pseudonym „Pascal Mercier“, wählt den Namen Pascal als Alias – ein passender Bezug zu den existenziellen Fragestellungen, die er in seinen Romanen behandelt.
Es war daher ein sehr kluger Schachzug von Mührel, seine Auseinandersetzung mit Pascals Philosophie in zwei Bände zu unterteilen. Der vorliegende Band I widmet sich dem Denken Pascals über den Menschen und dessen absurden Lage, während der zukünftige Band II Pascals Ansichten von der Erkenntnis Gottes erläutern wird. Mührel greift im Band I insbesondere jene Fragmente auf, die auch Sartre, Nietzsche und Camus inspirierten – wenngleich diese zu völlig anderen, lebensbejahenden Schlussfolgerungen gelangten. Mührel, der ursprünglich katholische Theologie studierte, aber dann zur Sozialarbeit (Diplom), hierauf zur Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft (Professur) wechselte, lässt Gott im Band I außen vor. Damit ist diese Monographie, in dem Pascals Denken über den Menschen in sehr einfühlsamer Weise und schlüssig interpretiert wird, auch für gottlose Humanisten*innen eine ungemein bereichernde und erhellende Lektüre. Das kluge und angenehm zu lesende Werk wird für Wissbegierige uneingeschränkt empfohlen.
Der Autor Eric Mührel, Professor für Professionsspezifische und ethische Grundlagen Sozialer Berufe an der Hochschule Koblenz, pflegt einen wohltuenden Schreibstil mit prägnanten wie inspirierenden Sätzen. Viele davon sind treffende wie auch überraschende Fragen, die er zu Beginn jedes Weges zu den zitierten Fragmenten aufwirft – Fragen, die nicht immer eindeutig beantwortet werden können, was bei der Werksexegese eines längst verstorbenen Philosophen auch nicht anders zu erwarten ist.
Mit einem Verlagspreis von nur 24,67 EUR ist das Werk preislich gut erschwinglich und belastet die Geldbörse nicht übermäßig.
Verlag

Das Werk „Unterwegs mit Pascal Band I: Über den Menschen – Betrachtungen auf zwölf Wegen“ von Eric Mührel ist im Jahr 2024 als Band 12 der Reihe „Philosophie erzählt“ im Verlag Karl Alber, ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Baden-Baden), mit 105 Seiten in der Printausgabe (ISBN 978-3-495-99257-9) und als ePDF (ISBN 978-3-495-99258-6) erschienen. Der Ladenpreis beträgt laut Verlagsangabe EUR 24,67.
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