Rätsel #15 I Ein humanistisches Rätsel für Freunde der klassischen Musik

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Zeit für ein neues Rätsel: Meine humanistischen Rätsel sollen – wie auch meine Analysen, News und Rezensionen – Humanist*innen unterhalten und informieren. Die Auflösung findet der Rätselfreund am Ende des Beitrags, also einfach bis zum Schluss nach unten scrollen! Wohlmeinende Kommentare und sachlich-konstruktiv geäußerte Kritik sind sehr willkommen.

Für die heutige Lösungsfindung sind fundierte Kenntnisse im Repertoire der klassischen Musik von Vorteil. Alternativ mag sich der Rätselfreund umfassend mit der Kulturgeschichte im Umfeld der Anatidae befasst haben.

In der Auflösung habe ich Links zu Hörproben hinzugefügt.

Rätselhinweise

Gesucht wird ein prominenter Österreicher, eine Perönlichkeit des Musiklebens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Œuvre infolge der aufgezwungenen Emigration zumindest in Österreich in Vergessenheit geriet.

Das wichtigste Vorbild für diesen studierten Musikwissenschaftler, Dirigenten und Komponisten war Johannes Brahms, dessen musikalisches Erbe den eigenen Stil nachhaltig beeinflusste.

Das gesuchte musikalische Werk ist eine selten gespielte Oper, die in den 20er Jahren in Deutschland uraufgeführt wurde und dem österreichischen Tonkünstler den entscheidenden Durchbruch im deutschsprachigen Raum bescherte. Das Libretto indes stammte nicht aus seiner Feder.

Die Hauptrolle des Tenors wurde in mehreren historischen Aufführungen von dem bekannten Opernsänger Josef Witt interpretiert.

Es ist zu konstatieren, dass moderne Fassungen der Oper die Dauer des Werkes radikal verkürzt und teilweise auch das Libretto verändert haben.

Die Oper entfaltet eine heitere, märchenhaft-asiatische Handlung, bei der u.a. drei Götter eine Rolle spielen. Götter können bekanntlich nicht sterben, aber ihnen ist sterbenslangweilig. Und so mischen sie sich zum Zeitvertreib in das irdische Leben der Erdenbürger ein. Sie vertauschen die Seelen/Gehirne/Köpfe (dies variiert nach Fassung) eines armen Tierzüchters und eines strengen Herrschers mit liebreizender Gattin.

In ihrer Entstehungszeit wurde die Oper als ein deutlicher Fingerzeig auf die immer größer werdende Bedrohung der Menschlichkeit durch den Faschismus interpretiert. Doch dem Werk wohnt eine universellere Bedeutung inne. Die Handlung kulminiert in existenzphilosophischen Zuspitzungen.

Der Komponist überlebte den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust um viele Jahre, konnte aber nicht an seinen früheren Erfolg anknüpfen. Sein Librettist wurde unmittelbar nach Ende des Weltkrieges verhaftet und verstarb nach wenigen Wochen in einer tschechischen Haftanstalt.

Fragen:

  • Wie lautet der Name des Komponisten?
  • Wie lautet der Titel der gesuchten Oper?
  • Wer hat das Libretto für diese Oper geschrieben?
  • Wie ist deren prägnante Handlung zu rekapitulieren?
  • Welche philosophischen Thesen lassen sich aus der Handlung ableiten?

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Freiwillige Mitmachbedingungen:

  • Kein Google oder Wikipedia und keine Bildrückverfolgung
  • Kein Lesen der Antworten in den Kommentaren

Eure Kommentare:

Eure Kommentare schreibt mir bitte gerne auf der Webseite meines humanistischen Blogs.

Auflösung:

Die Lösung findet sich am Ende. Bitte, nach unten scrollen.

Preis für die richtigen Antworten:

Zufriedenheit über das bereits erworbene Wissen

Trostpreis für falsche Antworten:

Freude, neues Wissen erfahren zu haben

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Weitere Rätsel:

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Zu meinem Trostbuch für Transzendenzskeptiker bei Ängsten und Trauer: „Atheistisch glücklich sterben“

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Auflösung

Gesucht war der studierte Musikwissenschaftler, Dirigent und Komponist Hans Gál, geboren am 5. August 1890 in Brunn am Gebirge und verstorben am 3. Oktober 1987 in Edinburgh.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er 1938 nach dem Anschluss Österreichs nach England emigrieren. Im Jahr 1940 wurde er vorübergehend als Enemy Alien auf der Isle of Man interniert.

Der Hinweis auf die Anatidae klärt auf: Es handelt sich um Entenvögel. Der vollständige Titel von Gáls Oper lautet: „Die heilige Ente. Ein Spiel mit Göttern und Menschen“.

Die Heilige Ente markierte Gáls erste Zusammenarbeit mit dem tschechischen Librettisten Karl Michael von Levetzow. Dieser wurde nach dem Einmarsch der Roten Armee in die Strafanstalt Mírov in der Burg Mírov überführt. Nach kurzer Internierung verstarb Levetzow dort am 6. Oktober 1945. Die verfügbare Enzyklopädie (Wikipedia) enthält weder präzise Informationen über die Grundlage seiner Verhaftung noch über die Umstände seines Todes in der Haft. Andere Quellen1 jedoch legen nahe, dass die Inhaftierung darauf fußte, dass er die Stadtchronik von Auspitz (Hustopeče) führte und somit ein öffentliches Amt bekleidete, was ihn im Zuge der Nachkriegssäuberungen in den Fokus rückte. Es wird zudem berichtet, dass er im Gefängnis Opfer der Misshandlung durch einen besonders brutalen Wärter wurde.  

Zur Handlung: Der einfache Entenzüchter Yang lässt sich auf dem Weg zum Palast des Mandarins, wo er eine Ente für den abendlichen Festschmaus abliefern muss, durch die Schönheit der Gattin Li des Mandarin verzaubern. So bemerkt er nicht, dass ihm die Ente gestohlen wird. Als das Fest beginnt, droht der Mandarin Yang mit der Todesstrafe, falls dieser die Ente nicht herbei schafft. Da greifen die Götter ein und vertauschen die Seele bzw. das Gehirn von Yang mit der des Mandarin. Yang schafft die Todesstrafe ab. Durch die Liebe von Li und den Erfolg seiner Reformen wird er übermütig. Als er auch die Götter für überflüssig erklärt, wird es denen zu bunt und sie machen den Seelen- bzw. Gehirntausch rückgängig. Am nächsten Morgen taucht die Ente wundersamerweise wieder auf. Der Mandarin deutet dies als göttliches Zeichen und erhebt Yang in den Rang eines Bonzen. Der jedoch verzichtet auf diese Ehre und will lieber mit der Erinnerung an die Liebe von Li in der weiten Welt sein Glück suchen.

Mögliche Interpretationen: Das Werk stellt sicherlich eine profunde Warnung vor der menschlichen Hybris dar. Es demonstriert aber ebenso, dass der Mensch sein wahres Glück nicht in göttlichen Spielen oder in der Ausübung von Macht findet, sondern in der Freiheit, einschließlich in der Freiheit zur eigenen Entscheidung. Obwohl Yang die Macht des Mandarins genießt, lehnt er die finale Erhöhung in den Adelsstand ab und votiert für die Autonomie. Dies impliziert, dass wahres Glück und Zufriedenheit nicht in der Übernahme einer fremden, von göttlicher Willkür gewährten Rolle, sondern in der eigenen Entscheidung (und vielleicht auch in der Liebe) liegen.

Hörproben

Der YouTube-Kanal Theater und Orchester Heidelberg präsentiert einen kleinen Ausschnitt von einer Auführung – hier der Link: https://youtu.be/WJ4BAwOKA1A

Auf der der Webseite der britischen Hans Gál Society sind zwei Hörproben („Ente 1“ und „Ente 2“ zu hören – hier der Link: https://www.hansgal.org/audiosamples

Auf der Webseite der Universal Edition befindet sich eine weitere kurze, abrupt endende Einspielung – hier der Link: https://www.universaledition.com/Werke/Die-heilige-Ente/P0053928

1 Kulturverband der Südmährer in Österreich. Link: https://www.suedmaehren.at/persoenlichkeit/karl-michael-freiherr-von-levetzow/ . Abgerufen am 10.11.2025.

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