Über mich

Bild Clemens Lintschinger

Anno 1970 erblickte ich in Wien das Licht der Welt – einer Stadt, die nicht zu Unrecht für ihre melancholische, zynische und oft sarkastische Grundstimmung bekannt ist. In gewisser Weise bin ich ein kultureller Output dieser Stadt.

In einem bürgerlichen Haushalt aufgewachsen, wurde ich mich früh mit Widersprüchen konfrontiert und ich entwickelte ein kritisches Auge für das ambivalente Verhalten gläubiger Menschen. Wie so viele andere Skeptiker suchte auch ich meinen Weg durch die verworrenen Pfade in Glaubensfragen und fand rasch meine geistige Heimat im Atheismus.

Viele Menschen gelangen über das Theodizee-Problem zum Unglauben – sie erleben unermessliches Leid, werden mit der Härte der Welt konfrontiert oder können das omnipräsente Elend nicht ignorieren. Welche grausame Fresswelt ist das, in der höher entwickelte Lebewesen nur auf Kosten unterlegener Tiere oder empfindungsfähiger Pflanzen existieren können?

Meine Abkehr vom Glauben war keineswegs ein dramatisches Ereignis. Keine Tragödie, kein Schicksalsschlag stieß mich in den Atheismus. Vielmehr war es die schlichte, fast banale Einsicht: Sämtliche religiösen Texte entpuppen sich bei nüchterner Betrachtung als widersprüchliche Konstrukte menschlicher Phantasie – rational nicht haltbar, in ihrer Logik oft geradezu grotesk absurd.

Von der emotionalen Religionskritik zum rationalen Atheismus: Ich fragte mich, ob es jenseits von Ängsten, Lügen und selbstsüchtigen Wunschvorstellungen religiöser Menschen rationale Argumente für eine weitere Existenzform von mir nach dem Tod geben könnte – und erkannte: Es gibt keine und es kann auch keine geben. Mit dem Tod endet die Tätigkeit des Gehirns, das unsere Vorstellung vom „Ich“ erschafft. Was das Gehirn im Kleinkindalter als Überlebensstrategie langsam erlernte, erlischt unwiederbringlich mit dem Tod. Kein Gedanke, keine Emotion, kein Traum transzendiert in eine ewige Dimension – alles erlischt, sobald wir aufhören zu denken, zu fühlen oder zu träumen. Denn Denken, Fühlen und Träumen sind Tätigkeiten, keine Substanzen – und schon gar keine „Energie“ im Sinne esoterischen Geschwätzes. Nur das Träumen, nicht aber der Traum, kann gemessen werden, da er ein ideeller Output der Gehirntätigkeit ist. Kein Traum existiert nach dem Träumen weiter, sondern er endet mit dem Aufwachen. Gleiches gilt für alle anderen Leistungen der Gehirntätigkeit. Auch „das Bewusstsein“ ist nur eine Tätigkeit, denn ich bin mir etwas oder meiner selbst bewusst. Es ist unumstößlich: Mein „Ich-Gefühl“, welches das Gehirn evoziert, endet mit dem Ende der Gehirntätigkeit. Alles, was Menschen über eine individuelle Weiterexistenz nach dem Dasein geschrieben haben, ist Dichtung oder unlogisches Wunschdenken.

Schon früh entschied ich mich gegen die Firmung, unbeeinflusst von den üblichen Verlockungen und Bestechungsversuchen.

Meine Schulzeit war von den traumatischen Erfahrungen des Mobbings geprägt. Damals gab es den Begriff aber noch nicht und niemand, einschließlich der Lehrer, interessierte sich für die Bosheiten gegen mich.

Dann begann die womöglich beste Zeit meines Lebens, das Jusstudium am Juridicum in Wien. Dort fand ich meine ersten wirklichen Freunde, begegnete (un)ziemlich häufig dem anderen Geschlecht.

Das Rechtsfach war für mich nie eine trockene Angelegenheit. Das Bedürfnis, mir Paragrafen durch Auswendiglernen einzuprägen zu müssen, hatte ich nie, sondern ich sah stets die menschlichen Interessenkonflikte hinter den rechtlichen Regelwerken. Meine Leidenschaft für die Jurisprudenz begleitet mich bis heute.

Noch während meiner Studienzeit erfüllte ich meine Staatspflicht zum Präsenzdienst. Eine Wahl zum Zivildienst gab es in den 80er Jahren noch nicht. Die vorgeschriebene „Gewissensprüfung“ bewältigte ich nicht, weil ich zu ehrlich bei meinen Angaben war. Als „studierter Systemerhalter“, der von komplexbeladenen Unteroffizieren verachtet und zu sinnlosen Tätigkeiten eingesetzt wurde, erschien mir diese Zeit im österreichischen Bundesheer vollkommen sinnlos.

Aus dem tiefen Bedürfnis heraus, die vergeudete Zeit beim Bundesheer auszugleichen und etwas von wirklicher Bedeutung zu tun, entschied ich mich noch als Student dazu, beim Roten Kreuz eine Ausbildung zum Rettungssanitäter anzutreten. Zunächst fand ich großen Gefallen an der Tätigkeit als Ersthelfer, doch mit der Zeit musste ich einsehen, dass ich technisch und handwerklich für diese Aufgabe völlig ungeeignet war. Im Rettungswagen war ich keine Hilfe, sondern wurde zur potenziellen Gefahr für Patient*innen. In Wahrheit hätte ich auch lieber bei der Telefonseelsorge mitgewirkt, doch meine diesbezügliche Anfrage wurde dort empört abgelehnt, weil ich keiner Kirche angehörte.

Die Studienjahre endeten und die Leistungsjahre begannen: Nach meinem Jusstudium war ich für kurze Zeit am Institut für Strafrecht wissenschaftlich tätig, bevor ich in das Bundesministerium für Inneres wechselte. Nach dem Beitritt Österreichs zur EU half ich am Aufbau der neuen EU/Schengen-Abteilung mit. Als Schengen-Rechtsexperte war ich ein halbes Jahr in London dem „Home Office“ während der britischen EU-Präsidentschaft dienstzugeteilt.

Meine Tätigkeit als Jurist im Innenministerium war eine politisch prägende Zeit für mich. Ich durfte ich die parteipolitischen Einflussnahmen und Machenschaften der österreichischen und europäischen Realpolitik live erleben.

Emsig arbeitete ich mich in wenigen Jahren zum stellvertretenden Abteilungsleiter empor. Mein rascher Aufstieg war ungewöhnlich, doch ich musste erfahren, dass manche österreichischen Klischees stimmen. Ohne Parteibuch war ich als Abteilungsleiterstellvertreter mit 30 Jahren bereits am Zenit meiner Möglichkeiten angelangt. Wenigstens waren die Parteiengünstlinge ehrlich genug, mir die fehlende Perspektiven mitzuteilen. Klipp und klar sagte mir der damalige Innenminister, entweder „schwarz“ oder „rot“, sonst sei eine weitere Karriere ausgeschlossen. Für diese Klarheit war ich dankbar, doch stand damit fest, dass es im öffentlichen Dienst für mich als parteiloser Freigeist keine weitere Aufstiegschance gibt. Keiner Partei wollte ich angehören, denn ich war aufgrund meiner Erfahrungen von beiden Parteien angewidert. Zudem war ich nicht willens, mich den unerfahrenen, zum Teil auch wirklich unfähigen, aber gut vernetzten Parteigängern zu unterwerfen. Ergo beschloss ich, den Sprung in die Welt der Privatwirtschaft zu wagen. Rückblickend war dies die beste Entscheidung meiner beruflichen Laufbahn.

Die Zeit im Bundesministerium war nicht verloren. Meine Erfahrungen machten mich zum Experten des EU-Rechts. Aber nicht nur die erworbenen Kenntnisse über das europäische Recht, sondern auch meine Einblicke in die wahren Mechanismen seiner Entstehung waren mir für mein weiteres Berufsleben in der Privatwirtschaft außerordentlich nützlich.

Andererseits, meine negativen Erlebnisse in der EU-Abteilung des Innenministeriums unter einer heuchlerischen „roten“, später „schwarzen“ Regierung prägen meine Einstellung zur Realpolitik bis zum heutigen Tage. Sie führten dazu, dass ich zu einem überzeugten Verfechter der unmittelbaren Demokratie nach Schweizer Vorbild wurde.

Eine unmittelbare Demokratie wird in Österreich nie Realität werden. Ein weiterer unerfüllter Traum von mir wird es wohl bleiben, wenigstens im Europäischen Parlament aktiv am politischen Geschehen mitwirken zu können, denn welche Partei würde einen freigeistigen, humanistischen Denker und Atheisten wie mich für eine Aufstellung in Betracht ziehen?

​Nach der Ministeriumszeit war zunächst eine Auszeit angesagt, denn gemeinsam mit meiner Partnerin wollte ich für eine Weile die Welt erkunden. „Die Welt“ wurde es zwar nicht, aber immerhin verbrachten wir als Backpackers ein halbes Jahr reisend in Asien. Im Kontakt mit den Menschen vor Ort realisierten wir, wie auch dort Religion zur Geschäftemacherei verkommen ist. Doch längst überraschte mich in Bezug auf Religionen und Glauben nichts mehr.

Zurück in Österreich folgte eine harte Zeit als Konzipient, während ich gleichzeitig an der Technischen Universität Wien als Postgraduate studierte. Eine Kombination aus rechtlicher und technischer Expertise schien mir der richtige Weg, um meinen Horizont zu erweitern, aber natürlich auch, um mich besser zu vermarkten. 

​Den weiteren beruflichen Werdegang möchte ich radikal verkürzen: Nach Abschluss meines Studiums an der TU Wien und erfolgreich absolvierter Rechtsanwaltsprüfung wurde ich schließlich Rechtsanwalt. Zunächst begann ich als ständiger Substitut, dann wurde ich zum Einvernehmensanwalt und schließlich gründete ich meine eigene Einzelpraxis. Der große Wunsch, meine Existenz unabhängig zu bestreiten, ohne mich den Vorgaben anderer unterordnen zu müssen, verwirklichte sich somit. Dies erfüllt mich noch heute mit einem gewissen Stolz.

In all den spannenden und abwechslungsreichen Jahren als Rechtsanwalt sind viele meiner Klienten und Klientinnen zu engen Freunden geworden. Es gab so viele interessante Causen während dieser Zeit, aber nur eine möchte ich hervorheben, weil diese zeigt, wie man zu mehr Toleranz beitragen kann: Zur Überwindung heftiger und dumper Agitationen gegen die Errichtung einer Moschee in Wien hat eine islamische Organisation einen bekannten jüdischen Anwalt als Rechtsbeistand beauftragt, der die causa wiederum an mich, einen bekennenden Atheisten, zur juridischen Abwicklung subbeauftragte. Gemeinsam waren wir erfolgreich. Sohin haben ein Atheist und ein Jude zusammen bewirkt, dass gegen den massiven Widerstand rechter Hetzer Moslems eine Moschee errichten konnten, um friedlich zu beten. Auch als Atheist meine ich, dass die Religionsfreiheit aller religiöser Menschen ein schützenswertes Gut ist.

Seit vielen Jahren begleitet mich meine Partnerin Martina auf meinem Lebensweg, und ich stehe ihr ebenso zur Seite. Kinderlos geblieben, haben wir gemeinsam in Kurzreisen die Welt erkundet, doch am wohlsten fühlen wir uns in den majestätischen Bergen Österreichs, wo wir unser Dasein so richtig genießen können.

Doch ich verspüre auch den unbedingten Drang, mich für die Säkularisierung einzusetzen und die Ideale des Humanismus zu verbreiten. Die Welt ist von religiösen Diskriminierungen und unwissenschaftlichen Überzeugungen zu befreien, um den Raum für kritisches Denken, Vernunft und vor allem Toleranz frei zu machen. Von dieser Notwendigkeit bin ich fest überzeugt. Und das Einbringen meiner juristischen Expertise in die Vereine Humanistischer Verband Österreich (HVÖ) und Zentralrat der Konfessionsfreien in Österreich ist mein Weg, mich für das Gemeinwohl und für zukünftige Generationen einzusetzen.

Besonders freut es mich, dass aufgrund meiner Initiative in meiner Heimatgemeinde Gablitz der erste Evolutionsweg Österreichs, der von vielen Vereinen der säkularen und wissenschafsaffinen Szene mitgesponort wurde, im Jahr 2024 eröffnet wurde. Der Evolutionsweg ist ein Lehrpfad, der die 4,1 Milliarden Jahre lange Geschichte des Lebens auf der Erde verständlich und anschaulich darstellt.

Marianne Mauch (gbs), Clemens Lintschinger (HVÖ) und Michael Cech (Bürgermeister von Gablitz) eröffnen am 7.9.2024 den 1. Evolutionsweg von Österreich

2025 erfuhr ich zu meiner großen Freude, dass mein humanistischer Blog auch in Luxemburg gelesen wird. Die Allianz vun Humanisten, Atheisten an Agnostiker zu Lëtzebuerg lud mich gemeinsam mit Humanists International ein, die International Human Conference 2025 in Luxemburg mit einer Keynote zu eröffnen. Für mich war dieser Auftritt eine besondere Herausforderung, da ich Vortrag und anschließendes Panel in englischer Sprache bestreiten musste. Vielleicht war es aber die größere Zumutung für das internationale Publikum, mein holpriges Englisch zu ertragen – ich weiß es nicht. Die Resonanz im Saal war jedenfalls äußerst positiv. Wer selbst urteilen möchte, findet den Vortragstext mit dem Titel „Why democracies need strong science: Learning from criticism“ in meinem Konferenzbericht.

Zum Abschluss möchte ich drei Punkte offenlegen, in denen ich mich bewusst von vielen anderen Humanist*innen unterscheide. Mir ist klar, dass ich damit mögliche Sympathisantinnen verlieren werde, aber ich halte es für ehrlicher, nicht zu verschweigen, wie ich denke:

Erstens: Humanistische Werte sind für mich keine ewigen oder objektive Wahrheiten. Sie sind Werkstücke des Menschen, aus Schweiß, Streit und Geschichte hervorgegangen – selbst die Menschenwürde und die Menschenrechte. Ich bin, man könnte sagen, ein Relativist; aber ich bin kein verbitterter Zyniker und schon gar kein Anarchist. Ich wünsche mir, dass Frauen, Männer und * rund um den Globus sich freiwillig diesen Werten verpflichtet fühlen. Doch eine letzte, unumstößliche Begründung – so wie Religionen sie in einem Gott oder in einer metaphysischen Instanz behaupten – sehe ich nicht. Alles, was bleibt, ist das ehrliche Bekenntnis: Wir wollen so leben.

Zweitens: Ich habe nie verstanden, warum der Mensch als natürliche Krone der Schöpfung gelten soll. Anthropozentrisches Denken ist mir fremd, und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil ich Humanist bin. Empathie endet für mich nicht an der Speziesgrenze. Das Leid der Tiere ist ebenso wirklich wie unser eigenes, und es verdient Anerkennung. Trotzdem: ich esse Fleisch und finde dies ethisch legitim. Aber ich will nicht Komplize eines Systems sein, das Kreaturen unter grausamen oder auch nur artwidrigen Bedingungen heranzüchtet. Lieber seltener Fleisch, dafür teuer, dafür von jenen Produzenten, die Tiere als Lebewesen achten und nicht als Maschinen. Das ist weder eine heuchlerische Ausrede noch eine Moralpredigt, sondern meine Form von Redlichkeit – eine Redlichkeit, die ich mir selber schuldig bin.

Drittens: Und dann ist da noch die politische Linke. Es empört mich, dass sie denselben rhetorischen Trick bemüht wie die katholische Kirche: Diese beansprucht die Nächstenliebe als ihre exklusive Erfindung – kontrafaktisch, versteht sich. Die Linke versucht es mit dem Humanismus. Sie reklamiert ihn, als sei er ihre Erfindung, und benutzt ihn als Etikett für Programme, die so ideologisch sind wie religiöse Dogmen. Gegen diese Vereinnahmung des Humanismus durch linke Idologie wehre ich mich. Mein Humanismus ist ein liberaler Humanismus: einer, der die Selbstverantwortung des Einzelnen ins Zentrum stellt, der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit verteidigt, der Privateigentum als Menschenrecht anerkennt, unmittelbare Demokratie anstrebt, die Opfer im Strafrecht würdigt und auch die Kollateralopfer migrantischer Kriminalität nicht verschweigt. Ein Humanismus, der Pluralismus bejaht, ohne in Gleichmacherei oder moralische Bevormundung zu verfallen. Vor allem aber einer, der keine Denkverbote kennt und keine Brandmauern errichtet.