Rätsel #5 | Eine unheimliche Geschichte

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Zeit für ein neues Rätsel: Liebe Rätselfreunde und Wissbegierige, heute erzähle ich euch eine Geschichte, die sich ein Philosoph ausgedacht hat und zum Nachdenken anregt. Die Erzählung wurde von mir etwas abgewandelt. Neben drei Wissensfragen kann man heute auch philosophische Fragen beantworten. Die (diesmal längere) Rätselauflösung erfolgt wie immer in einer Woche auf derselben Webseite wie dieses Rätsel.

Hier die Geschichte:

Ein 26-jähriger Mann zeigt grundsätzlich wenig Interesse am Internet und den sozialen Medien. Für ihn stellen sie lediglich eine Abfolge unproduktiver Reize dar, die von seiner persönlichen Entwicklung ablenken. Sein Herz schlägt eher für philosophische Rätsel, die seinen Geist stimulieren und sein Wissen erweitern. Um ein Riddle#2 eines bemerkenswerten humanistischen Blogs zu lösen, begibt er sich in Wien in eine Bibliothek, wo er durch die Hallen wandelt. Dabei fällt sein Blick zufällig auf ein Buch mit dem Titel „Das Leben von […]“, welcher seinen eigenen Namen enthält. Überrascht unterbricht er seine Rätselrecherche, um das Buch genauer zu betrachten. Zu seiner Verblüffung beschreibt das Buch äußerst detailliert und korrekt die Ereignisse seines bisherigen Lebens. Jedes Kapitel entspricht einem Lebensjahr und enthält Informationen, die er mit niemandem geteilt hat. Verwirrt fragt er sich, ob er sein ganzes Leben von einem Stalker verfolgt wurde und wie dieser alle diese Informationen erfahren konnte.

Die Situation wird noch viel unheimlicher, als er im Kapitel 26 eine Passage liest, die beschreibt, wie der Protagonist des Buches – vielleicht er selbst? – in der Bibliothek das Buch findet und darin liest. Sein Entsetzen steigt, als er feststellt, dass das Buch nur noch drei Kapitel hat. Beim Blättern zum Ende erfährt er, dass der Buchprotagonist mit 29 Jahren bei einem Flugzeugabsturz über Frankfurt ums Leben kommt. Der Rätselfreund beginnt nachzudenken und überlegt, dass dies ihm nicht passieren wird, solange er darauf achtet, nicht mit 29 Jahren nach Frankfurt zu fliegen.

Drei Jahre später, während einer beruflichen Reise von Wien nach London via Zürich, teilt der Pilot den Passagieren mit, dass sie aufgrund schlechten Wetters in der Schweiz nach Frankfurt umgeleitet werden. In Panik versucht unser Freund, das Flugzeug zu übernehmen, um den Piloten zu zwingen, den Flug nach Frankfurt abzubrechen. Ein heftiges Gerangel in der Pilotenkabine führt schließlich dazu, dass das Flugzeug über Frankfurt abstürzt, und alle Insassen kommen dabei ums Leben.

Frage 1: Wie heißt der Titelheld in der Originalgeschichte?

Frage 2: Welche Lebensanschauung beschreibt die Geschichte?

Frage 3: Aus welchem lateinischen Namen leitet sie ihren Namen ab?

Frage 4: Wie unterscheidet sich diese Überzeugung vom Konzept des Determinismus?

Frage 5: Macht es einen Unterschied für unsern jungen Mann, wenn er das Riddle#2 nicht hätte lösen wollen? Begründe dein Ansicht aus Sicht eines Menschen, der einer deterministischen Weltanschauung anhängt. Die Antwort ist nicht so leicht, wie sie vielleicht auf dem ersten Blick erscheint, denn hinter der Frage 5 steckt ein ungelöstes Problem.

Frage 6: Warum ist es jedenfalls ratsam, Riddle#2 zu lösen?

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Mitmachbedingungen: Kein Google, kein Wikipedia, keine Bildrückverfolgung, kein Lesen der Antworten in den Kommentaren!

Antworten: Eure Antworten schreibt gerne auf dieser Plattform oder als Kommentar auf meinem humanistischen Blog.

Auflösung: Die Auflösung erfolgt am 13.12.2023 als up-date dieses Blogbeitrags auf meiner Blog-Webseite https://clemens-lintschinger.eu/blog-vlog/

Preis für die richtigen Antworten: Zufriedenheit über das bereits erworbene Wissen

Trostpreis für falsche Antworten: Freude, neues Wissen erfahren zu haben

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UP-Date 13.12.2023: Hier die Auflösung des Rätsels #5

Die Originalgeschichte, die der Philosoph Richard Taylor erfand, lautet (Antwort 1): „The Life of Osmo“.

HINWEIS: Eine animierte Version der Geschichte in englischer Sprache befindet sich auf YT – hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=GikMJsE9UHE

Die Geschichte hat die Lebensanschauung des „Fatalismus“ (Antwort 2) zum Gegenstand. Das ist die Überzeugung, dass alles Wichtige im Leben und in der Welt mehr oder weniger vom Schicksal vorgegeben ist und man es nicht beeinflussen kann. Was auch immer man tut, das Schicksal entscheidet über den Ausgang.

Fatalismus leitet sich vom lateinischen Wort fatum, das Schicksal, ab (Antwort 3).

Zur Frage 4: Der Determinismus ist die Auffassung, dass alle Ereignisse durch vorherige Ereignisse und Gesetze der Natur zwangsläufig bestimmt sind. Das bedeutet, dass jede Handlung und jedes Ereignis aufgrund von Ursachen und Bedingungen zwangsläufig zu einem bestimmten Ergebnis führen muss. Der Fatalismus hingegen betont die Ohnmacht oder das Schicksal, dem der Mensch nicht entkommen kann, unabhängig von Handlungen oder Entscheidungen. Fatalismus geht davon aus, dass das, was geschehen wird, bereits vorherbestimmt ist, und dass menschliche Handlungen oder Entscheidungen keine Auswirkungen auf das vorherbestimmte Ergebnis haben.

Zur Frage 5: Ein Fatalist würde sagen Nein, da man seinem Schicksal nicht entkommt. Es ist völlig egal, ob Osmo das Rätsel kennt oder lösen will, denn seine Zukunft ist festgeschrieben. Hingegen sagen viele Deterministen, dass auch in einer Welt, wo jede Wirkung eine Ursache hat und selbst Ursache für eine neue Wirkung ist, es genug Spielräume gibt, dass der Mensch sein Schicksal selbst bestimmt.

Die Vereinbarkeit des freien Willens des Menschen mit dem Determinismus nennt man Kompatiblismus. Ein berühmter Vertreter ist David Hume. Inkompatiblisten meinen hingegen, dass der Determinismus mit einem freien Willen nicht vereinbar ist. Osmo ist nicht frei, zu wollen. Arthur Schopenhauer sagte, dass der Mensch tun kann, was er will, nicht aber wollen, was er will. Auch Leibniz meinte, dass sich der Wille nur auf die Handlung richten kann, nicht aber auf das Wollen.

Hier ein Literaturtipp mit weiterführenden Ausführungen: „Willensfreiheit und Determinismus“, Geert Keil, Reclams Universal-Bibliothek, 2. Aufl. (2018)

Frage 6: Egal, ob man Willensfreiheit besitzt oder nicht, Wissen macht Menschen Freude, und wer will sich nicht freuen? „Alle Menschen streben nach Wissen; dies beweist die Freude an den Sinneswahrnehmungen“, postulierte Aristoteles. Wer meine Rätsel löst, freut sich. Wer die Antworten lernt, freut sich auch.

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Weitere Rätsel:

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Zu meinem humanistischen Blog/Vlog für weitere Beiträge, Buchrezensionen und Rätsel

Zu meinem Trostbuch für Transzendenzskeptiker bei Ängsten und Trauer: „Atheistisch glücklich sterben“

2 Antworten zu „Rätsel #5 | Eine unheimliche Geschichte”.

  1. Avatar von Gerfried Pongratz
    Gerfried Pongratz

    Spannend, umfassend informativ, unterhaltend!
    „Wer erzählt die Geschichte unseres Lebens, wenn wir alle nur Marionetten sind?“
    Merci!
    (Als Wikipedianer komme ich nicht ohne https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus usw. aus, wäre aber nicht draufgekommen…)

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  2. Avatar von Rätsel 11 I Wenn die Moral über Bord geht – Clemens Lintschinger

    […] Zum Rätsel #5 I Eine unheimliche Geschichte […]

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