Veröffentlichung der Folien zum Vortrag „Ist ohne Gott alles erlaubt? – Ein Kurzüberblick über atheistische Ethik“

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2 Antworten zu „Veröffentlichung der Folien zum Vortrag „Ist ohne Gott alles erlaubt? – Ein Kurzüberblick über atheistische Ethik“”.

  1. Avatar von Markus Butskin
    Markus Butskin

    1. Kritik an der Rhetorik: Zwischen Schärfe und Selbstgerechtigkeit

    Obwohl Lintschinger beteuert, niemanden verletzen zu wollen, ist der Ton seiner Kritik an Religion häufig polemisch und abwertend. Er unterstellt gläubigen Menschen oft implizit Unvernunft, Feigheit vor der Endlichkeit und ein kindliches Festhalten an metaphysischen Trostillusionen. Die Grenze zwischen berechtigter Kritik an kirchlicher Macht und selbstzufriedener Überheblichkeit wird dabei mehrfach überschritten.

    Beispiel: Die Gleichsetzung von Gläubigkeit mit mangelnder Reflexionsfähigkeit („Fake-Humanisten“) suggeriert, dass jede Form religiöser Sinngebung irrational sei – ein Rückfall in genau jene dogmatische Engführung, die der Vortrag selbst kritisiert.

    2. Fehlende Trennschärfe zwischen Kirche und Religion

    Ein grundlegendes Problem des Vortrags ist die Vermengung von institutioneller Kirchenmoral (insb. der katholischen) mit persönlichem Glauben oder religiöser Ethik. Die zahlreichen Beispiele kirchlicher Doppelmoral, Vertuschung und Exkommunikation sind berechtigt – ersetzen aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit theologischer Ethik oder spirituell motivierter Moral.

    So wird Religion im Vortrag fast ausschließlich als Quelle von Unterdrückung, Irrationalität und Dogmatismus dargestellt. Differenzierte Strömungen wie Befreiungstheologie, religiöser Existenzialismus oder liberale protestantische Ethiken bleiben vollständig außen vor.

    3. Die „Unmöglichkeit der Letztbegründung“ als selbstwidersprüchlicher Grundsatz

    Lintschinger lehnt metaphysische Letztbegründungen konsequent ab – zu Recht. Doch gleichzeitig erhebt er seine eigene Position zum argumentativen Maßstab: Nur was auf Vernunft, Empathie und säkularem Konsens beruht, sei ethisch legitim.

    Diese Haltung läuft auf einen performativen Widerspruch hinaus: Wer Letztbegründungen ablehnt, kann auch die eigene Position nicht zur alleinigen Rationalitätsnorm erheben. Das Eingeständnis epistemischer Bescheidenheit (Fallibilismus) wird unterlaufen durch moralische Selbstüberlegenheit.

    4. Missverständnis der normativen Ethik

    Der Vortrag stellt normative Ethik pauschal als ideologisch, quasi-religiös oder unwissenschaftlich dar. Diese Sichtweise ist verkürzt und verkennt, dass normative Ethik ein legitimer Bestandteil der Philosophie ist – vorausgesetzt, sie legt ihre Voraussetzungen offen und reflektiert ihre Grenzen.

    Lintschinger scheint hier ein binäres Denkmuster zu bedienen: Nur deskriptiv = legitim, normativ = Dogma. Dabei gibt es in der Ethik zahlreiche Theorien (z. B. Diskursethik, Tugendethik, Vertragstheorien), die normative Aussagen mit rationaler Argumentation begründen, ohne metaphysische Letztwahrheiten zu beanspruchen.

    5. Überbetonung individueller Freiheit – Unterbelichtung sozialer Verantwortung

    Die atheistische Moral wird im Vortrag stark als Ausdruck individueller Autonomie und kritischer Rationalität gefeiert. Dabei bleibt der soziale Kontext von Moral – also Bindung, Verantwortung, gemeinschaftliche Aushandlung – unterbelichtet. Lintschinger argumentiert kaum entlang realer moralischer Konflikte, sondern vor allem gegen autoritäre Fremdbestimmung.

    Was fehlt, ist eine positive Vision gesellschaftlicher Solidarität, die über das bloße „Nicht-Glauben“ hinausgeht. Die Betonung persönlicher Freiheit müsste ergänzt werden durch eine tiefere Auseinandersetzung mit struktureller Gerechtigkeit, Machtasymmetrien und sozialem Zusammenhalt.

    6. Reduktion des Humanismus auf Atheismus

    Obwohl der Vortrag sich „humanistisch“ nennt, wird der Humanismus fast vollständig auf seine atheistische Variante reduziert. Religiöser Humanismus, jüdisch inspirierter Existenzialismus oder säkulare Spiritualität werden nicht erwähnt.

    Diese Engführung des Humanismus auf anti-theistische Positionen ist historisch und konzeptionell fragwürdig. Humanismus ist kein bloßes Gegenmodell zur Religion, sondern ein pluralistisches, weltanschaulich offenes Ethos, das sich auf Menschenwürde, Freiheit, Bildung und Verantwortung stützt – auch innerhalb religiöser Kontexte.

    7. Fehlende philosophische Tiefe in zentralen Passagen

    Der Vortrag referiert zwar viele klassische ethische Positionen (Kant, Ross, Foot, Singer, Nietzsche), bleibt aber oft oberflächlich. Wichtige Differenzierungen werden nicht diskutiert – etwa bei Kant zwischen hypothetischem und kategorischem Imperativ, bei Nietzsche zwischen Übermensch und Zynismus, bei Singer zwischen Handlungs- und Regelutilitarismus.

    Zudem fehlt eine systematische Einordnung: Der Vortrag springt zwischen Ethikmodellen, ohne die Kriterien zu benennen, nach denen sie bewertet oder verworfen werden. Stattdessen wechselt die Argumentation zwischen Plausibilitätsappellen, polemischer Rhetorik und subjektiven Bekenntnissen.

    8. Die emotionale Moralität des Tieres – eine biologische Romantik?

    Die These, dass Tiere ebenfalls moralisch handeln (z. B. Krähen, Schweine, Elefanten), ist faszinierend – aber wissenschaftlich umstritten. Lintschinger übernimmt hier stark vereinfachte Deutungen von Tierverhalten als moralisch, ohne sich mit der differenzierten ethologischen oder kognitionswissenschaftlichen Diskussion auseinanderzusetzen.

    Was genau „Moral“ bei Tieren heißen soll – intentional, normativ, reflektiert? – bleibt unklar. So gerät die Tierethik des Vortrags in die Nähe eines biologistischen Romantizismus, der die Begriffe Moral, Empathie und Verantwortung unscharf vermischt.

    Fazit: Wichtiger Impuls, aber mit blinden Flecken

    Clemens Lintschingers Vortrag ist ein engagiertes, rhetorisch kraftvolles Plädoyer für eine säkulare, humanistische Ethik. Seine Kritik an religiöser Macht und Doppelmoral ist wichtig – doch seine Argumentation leidet unter Übervereinfachung, Selbstimmunisierung und einem selektiven Ethikbegriff.

    Der Vortrag hätte gewonnen, wenn er:

    • Religion differenzierter betrachtet hätte,
    • normativen Ethiken mehr philosophische Ernsthaftigkeit zugestanden hätte,
    • eigene Grundannahmen reflektierter behandelt hätte,
    • die soziale Dimension von Moral stärker gewichtet hätte.

    Kurz: Ein leidenschaftlicher Impuls, aber keine philosophisch belastbare Ethiktheorie.

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  2. Avatar von johannes werner
    johannes werner

    Zur Kritik von Martin Butskin:

    Bei Clemens Lintschinger´s Vortrag „Atheistische Ethik“ in der TU Wien war ich persönlich zugegen – vermutlich im Gegensatz zu Herrn Butskin. Deshalb möchte ich die im Kommentar geäußerte Kritik zum Vortrag ein deutliches Stück zurechtrücken – auch um die konstruktiven Elemente der kritisierenden Polemik fruchtbar zu machen.

    Ich weiß nicht, inwiefern diese Kritik tatsächlich auf den Inhalt zielt oder nicht vielmehr eine Trainingsarbeit in philosophischer Eristik eines Philosphiestudenten darstellt. Vielleicht hatte M. Butskin auch nur die Folien des Vortrags rezipiert, und es nicht bis Nummer 48 geschafft, wo ausdrücklich festgestellt: „es gilt ausschließlich das gesprochene Wort“.

    So geht jedenfalls die Kritik an der Rhetorik („scharf!“, „selbstgerecht!“) nicht nur deshalb an der Sache und Lintschinger´s Anliegen vorbei, weil Polemik ganz offensichtlich nicht die Intention war, sondern auch, weil der Vortragende mit offenem Visier agierte: Clemens Lintschinger ist ein überzeugter Atheist, der Verständnis für seine Sicht der Welt sucht und generieren möchte. Das war – in der Einladung deutlich kommuniziert – jedem a priori bewusst, der den Vortrag hörte. Für mich hat Clemens Lintschinger seine Sache sehr gut vertreten. Einem Überblick der Vorwürfe, die gegen Atheisten erhoben werden, hat er diverse Ideen zur Verteidigung atheistischer Positionen gegenübergestellt – eine Atheodizee sozusagen. Ebenso erfolgte die Definition, was mit „Humanismus“ aus atheistischer Sicht gemeint ist, mit der gebotenen Klarheit.

    Leidenschaft würde ich ihm hier zubilligen, Selbstgerechtigkeit war nicht einmal in homoöpathischer Dosis vorhanden.

    Dass ein Überblick die „philosophische Tiefe“ vermisst (bzw. vermissen muss), ist dem Vortragenden wohl kaum anzukreiden. Als Anregung zum Weiterstudium kann man hier Butskin´s Kritik in nunmehr konstruktiver Form stehen lassen.

    M. Butskin will „Gläubigkeit und religiöse Sinngebung“ retten, indem er „Trennschärfe zwischen Kirche und Religion“ einfordert. Dies ist in der Tat für einen Atheisten schwierig, der ja die institutionalisierte Religion als Folge einer aus seiner Sicht falschen, bzw. verkürzten Weltsicht und/oder „Gläubigkeit“ wahrnimmt. Lintschinger tat aus meiner Sicht sein Bestes, diese seine Überzeugung durch Fakten zu untermauern, die seine Gegner ja reichlich zu Verfügung stellen.

    In diesem Zusammenhang nimmt Butskin auch eine „Unterbelichtung sozialer Verantwortung“ wahr, die gar nicht Thema des Vortrags war. Den Versuch, den Glauben zu retten, indem man ihm Notwendigkeit auch dann zubilligt, wenn er unwahr ist, kann man einem Atheisten doch schwerlich zumuten?!

    Ein weiterer Rettungsversuch des Glaubens ist interessant: Butskin sieht einen Widerspruch in der Behauptung von Clemens Lintschinger, dass es keine moralische Letztbegründung geben könne (ein „performativer Widerspruch“). Jene Behauptung hätte doch selbst den Charakter einer Letztbegründung, was gemäß Lintschinger zurückzuweisen wäre. Daher – so legt Butskin nahe – dürfe man eine (religiöse?) Letztbegründung bemühen (aka sich an dieselbe klammern), sei es auch keine rationale, so doch eine moralische.

    Solches Aushebeln („Du zweifelst an Allem … und ich zweifle an deinem Zweifeln“) ist ein gängiger Kunstgriff. Der Hebelnde macht jedoch den Fehler, die ontologische Zugehörigkeit der Aussagen unzulässig zu mischen: Zweifel ist keine positive Eigenschaft, ebensowenig wie die „Existenz“ im ontologischen Gottesbeweis („das vollkommenste Wesen, dass ich denken kann muss existieren um diese Vollkommenheit zu repräsentieren“). Immerhin ein interessanter Versuch.

    In Bezug auf die normative Ethik gab Lintschinger einen repräsentativen Überblick, der notwendigerweise nicht ins Detail ging. Auch „Ethik-Theorien, die normative Aussagen mit rationaler Argumentation begründen“ wurden vorgestellt. Ein „Missverständnis“ konnte ich nicht erkennen.

    Bezüglich der „emotionalen Moralität von Tieren“ von Tieren gab Lintschinger einen interessanten, etwas die Perspektive wechselnden Einblick. Es war klar, dass es sich nicht um Tatsachenmitteilungen handeln konnte. Dies schon deswegen, weil doch bereits beim Menschen der Einblick in die Innenperspektive des/der Handelnden verwehrt bleibt.

    Es trifft zu, dass im Vortag wenig Sympathie für religiöse oder spirituelle Weltbilder vermittelt wurden. Die Absicht war ja, die Möglichkeit eines moralischen Lebens von Atheisten darzutun.

    Dem Fazit von Butskin, dass Clemens Lintschingers Vortrag ein engagiertes, rhetorisch kraftvolles Plädoyer für eine säkulare, humanistische Ethik darstellte, kann man zustimmen.

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