Zeit für ein neues Rätsel: Meine Rätsel verstehen sich als unterhaltsame Ergänzung zu den Analysen, Rezensionen und Kommentaren meines humanistischen Blogs. Sie sollen Spaß machen, informieren und zum Nachdenken einladen, aber keinesfalls belehren oder missionieren. Niemand muss meine Ansichten teilen. Die Rätselauflösung steht stets am Ende des Beitrags. Über wohlmeinende Kommentare, sachlich-konstruktive Kritik – und natürlich auch über das Weiterleiten an andere Rätselfreunde – würde ich mich sehr freuen. Die sich anhäufenden Hasskommentare ignoriere ich oder sie werden von mir angezeigt.
Zum Rätsel
„An die Kulturwelt!
Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. […]„
So begann ein Aufruf, der am 4. Oktober 1914 erschien und heute unter dem Namen „Manifest der 93“ bekannt ist, weil es von 93 bekannten Wissenschaftlern, Juristen, Schriftstellern, Dichtern und Künstlern unterfertigt wurde. Organisiert wurde der Aufruf vom Nachrichtenbureau der Reichsmarine und von Vertretern des Goethebundes. Einige der Unterzeichner werden sich später damit rechtfertigen, dass sie über den genauen Text gar nicht informiert gewesen wären.
An dieses Manifest bin ich immer wieder erinnert, wenn ich mir in Diskussionen anhören muss, wie Menschen willig russische Desinformationen übernehmen. Auch das Manifest der 93 stellte den Einmarsch deutscher Truppen in das neutrale Belgien als pure Notwehr dar. Die Kriegsschuld wurde umgekehrt und der eigene Angriffskrieg als aufgezwungene Reaktion qualifiziert. Die russische Propaganda wiederholt exakt diese Logik. Den Angriff habe man nicht selbst verschuldet, sondern die NATO-Osterweiterung habe die militärische Spezialoperation in einem anderen Land zwingend eingefordert. Es gelte, die russischsprachigen Landsleute im Donbass vor den vielen Nazis in der Ukraine zu schützen – einem Land, dessen Präsident Wolodymyr Selenskyj Jude ist. Und so wie das Manifest den Brandanschlag1 deutscher Soldaten im Universitätsgebäude von Löwen im August 1914 mit einem schlichten „Es ist nicht wahr“ bestritt oder sogar der „rasenden Einwohnerschaft“ von Löwen anlastete, welche ihre Universitätsstadt verteidigen wollte, werden die Kriegsverbrechen2 in Butscha oder anderswo in der Ukraine geleugnet und die Ukrainer wären für die Verwüstungen selbst schuld, weil sie gegen die Befreier einen vermeintlich aussichtslosen Kampf führen. Und das sind nur einige der Parallelen der Kriegspropaganda von einst und jetzt.
Das Ziel der führenden Vertreter aus Wissenschaft, Kunst und Kultur, die öffentliche Meinung in den anderen Nationen, wo die Deutschen in der aufgeheizten Stimmung als „Hunnen“ und „Barbaren“ verunglimpft wurden, zugunsten Deutschlands zu beeinflussen, scheiterte auf ganzer Linie — es war vielmehr ein Schuss nach hinten. In diesem Punkt ist der russische Propagandaapparat leider deutlich erfolgreicher. Es gelingt ihm, die Ichlinge, die keine persönlichen Nachteile — erhöhte Heiz- und Stromkosten, Transfer von Steuergeldern u. a. — erleiden wollen, abzuholen und ideologisch zu füttern. „Zu manipulieren“ wäre für mich der falsche Ausdruck, denn es wird ja geradezu um Argumente gebettelt, um die eigene selbstsüchtige Haltung zu rechtfertigen. Der Gipfel der kognitiven Dissonanz ist das Schlagwort „Kriegstreiber“ für jene, die die Souveränität eines Staates nach einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, den Freiheitswillen eines Volkes und dessen Hinwendung zum Westen und seiner Kultur und Werte mit Wort oder Tat unterstützen wollen.
Die heutige Rätselfrage
„Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.„
Dieses Zitat stammt von einem weltberühmten deutschen Wissenschaftler, der das Manifest „An die Kulturwelt!“ nicht unterschrieb. Welcher Wissenschaftler ist gemeint?
Bonusfrage
Welcher deutscher Wissenschaftler unterschrieb hingegen das Manifest, distanzierte sich später und erhielt unmittelbar nach dem Krieg sogar einen Nobelpreis?
Zum Nachdenken
Soll man oder soll man nicht das Werk von der Person trennen? Wie stehst du zum Ausladen von Personen, die sich rassistischer, sexistischer, queerfeindlicher oder anderer hetzerischer Argumente bedienen? Soll man diesen Menschen eine Bühne geben oder nicht? Leben wir in einer Zeit der „Cancel Culture“ oder ist das ein Kampfbegriff der politisch Rechten zur Täter-Opfer-Umkehr? Schreib deine Meinung gerne in die Kommentarspalte.
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Freiwillige Mitmachbedingungen
- Kein Google oder Wikipedia und keine Bildrückverfolgung
- Kein Lesen der Antworten in den Kommentaren
Eure Kommentare:
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Auflösung
Der Physiker Albert Einstein (1879–1955) hat das Manifest der 93 nicht unterfertigt. Seine spöttische Bemerkung habe ich aus folgendem Werk zitiert: Albert Einstein, Mein Weltbild. Querido Verlag, Amsterdam, S 14 (1934).
Quellentext: Der Originalwortlaut des Manifests „An die Kulturwelt!“ ist auf dem Themenportal Europäische Geschichte von clio-online, ein Fachportal für die Geschichtswissenschaften, nachzulesen – hier der Link.
Ad Bonusfrage:
Sowohl das Manifest als auch die „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches“ vom 16. Oktober 1914, welche den preußischen Militarismus in Schutz nimmt, wurden von Max Planck (1858–1947) unterfertigt. Hier der Wortlaut der Erklärung der deutschen Hochschullehrer:
„Wir Lehrer an Deutschlands Universitäten und Hochschulen dienen der Wissenschaft und treiben ein Werk des Friedens. Aber es erfüllt uns mit Entrüstung, daß die Feinde Deutschlands, England an der Spitze, angeblich zu unsern Gunsten einen Gegensatz machen wollen zwischen dem Geiste der deutschen Wissenschaft und dem, was sie den preußischen Militarismus nennen. In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewußtsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet. Dieser Geist lebt nicht nur in Preußen, sondern ist derselbe in allen Landen des Deutschen Reiches. Er ist der gleiche in Krieg und Frieden. Jetzt steht unser Heer im Kampfe für Deutschlands Freiheit und damit für alle Güter des Friedens und der Gesittung nicht nur in Deutschland. Unser Glaube ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche „Militarismus“ erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien deutschen Volkes.“
1916 distanzierte sich Planck von diesen Erklärungen, ohne aber mit dem deutschen Militär zu brechen.3 Nachhaltig geschadet hat ihm seine Unterstützung nicht. Schon 1918 wurde ihm der Nobelpreis für Physik zuerkannt.
Weitere interessante Texte zum Thema „Manifest der 93“
Essay von Rüdiger vom Bruch, veröffentlicht auf der Webseite von Clio-Online
Quellennachweise
- Vgl. dazu zum Beispiel: https://www.kuleuven.be/heritage/buildings-and-monuments/university-library ↩︎
- Siehe Internationaler Strafgerichtshof (https://www.icc-cpi.int/situations/ukraine) und UN Human rights Office (https://www.ohchr.org/en/countries/ukraine). ↩︎
- Quelle: Gabriele Metzler, „Welch ein deutscher Sieg! Die Nobelpreise von 1919 im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft„, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44/2 (1996), S. 174 ff., Institut für Zeitgeschichte München. Abrufbar unter: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1996_2_1_metzler.pdf ↩︎

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